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Referendariat beendet – und nun?

1 Aug

Eigentlich wollte ich diese neue Rubrik ruhiger angehen lassen – aber mal wieder kam mir das Land Thüringen zuvor.

Worum geht es?
Mit dem 31.7.2013 beendete ein neuer Jahrgang Referendare bzw. Lehramtsanwärter die Ausbildung zu „echten Lehrern“. Das ist eine tolle Sache, endlich ist nach einer wirklich langen Zeit (4.5 Jahre Studium plus 1,5 Jahre Vorbereitungsdienst = 6 Jahre) der Moment gekommen, in dem wir uns im Schuldienst beweisen können. Überraschenderweise haben erstaunlich viele Lehramtsanwärter (LAA) in diesem Jahrgang eine Stelle angeboten bekommen – und auch dankend angenommen. „Vollzeit und unbefristet“ – ein absoluter Sechser im Lotto!

Neben all der Freude gibt es aber zunehmend auch Frust, denn mal wieder muss die Übergangszeit überstanden werden. Die sieht leider aus verschiedenen Gründen nicht gerade rosig aus.
Warum?
1. DAS GELD 
Ein Rechenbeispiel:
Als LAA ist man verbeamtet, d.h. man bekommt sein Geld im Voraus. Da der Vorbereitungsdienst am 31.7. endet, heißt das, dass am 30.6. zum letzten Mal Geld auf unsere Konten fließt – das Geld für Juli 2013. Die nächste Zahlung lässt dann aber lange auf sich warten – bis 30. September, genau gesagt.

Da fragt man sich: wieso dauert das so lange?

Ganz einfach! Die neuen Lehrer werden nicht übergangslos zum 1.August eingestellt, sondern erst zum Beginn der Vorbereitungswoche am 19.August. Heißt für uns: wir müssen 2 Wochen überbrücken. Nur wie? Und das Schönste: die Zeit vom 19.-31.August wird dann erst zusammen mit dem Gehalt vom September gezahlt. Wir sitzen also August und September auf dem Trockenen.

Probleme die sich daraus ergeben, sind die Folgenden:
2. DIE KRANKENVERSICHERUNG 
Wie kommen wir in eine gesetzliche Krankenversicherung? (durch die Verbeamtung war die private KV für uns LAA günstiger – nun sind wir aber keine Beamten mehr) Wer zahlt die, wenn wir 2 Wochen keinen Job haben? Wir selbst? Von welchem Geld?!
Eine Möglichkeit wäre es, Hartz4 zu beantragen (ALG I gibt es nicht, weil wir als Beamte nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen mussten) – das Amt würde dann die Beiträge übernehmen.
Aber: wer wie ich mit seinem Freund zusammenwohnt oder ein bisschen Erspartes hat, wird für die 2 Wochen nicht viel bekommen – und wenn, dann eh erst verspätet. Bringt also nichts.
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Heute ist also Tag 1 nach dem Referendariat.
Ich bin arbeitslos und ohne Krankenversicherung.
2 Wochen lang.
Hallelujah!

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Nachtrag: 
Natürlich könnte ich mich in der Privaten weiterversichern. Kostet aber 150 €. Ich könnte auch die Kosten für die Gesetzliche tragen. Kostet 200€. Die habe ich aber nicht. Ich könnte mich auch bei nem Selbstständigen mitversichern lassen. Kenne aber keinen. Also „packe ich mich 2 Wochen in Watte“, wie Frau AOK gesagt hat und sehne den 19.8. herbei. 
Zum Thema „arbeitslos“ – meinen Plan mit Kunststofffabrik habe ich sausen lassen – hab für die Schule noch genug zu tun & vorzubereiten. Arbeitslos melden muss man sich wegen den beiden Wochen nicht – habe mich dazu informiert. 

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Erstklässler

3 Jun

Was kommt euch zuerst in den Sinn, wenn ihr den Begriff „Erstklässler“ hört?
Überlegt mal kurz.
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Wahrscheinlich solche Sachen wie:
– niedlich, süß, putzig, klein
– hilflos
– stolz

Als Lehrer denkt man dabei spontan an ganz andere Sachen.
Meine Assoziationen sind da z.B.:
– unselbstständig, hilfsbedürftig, laut
– hibbelig, nervös, aufgeregt
– brauchen viel Aufmerksamkeit, Anleitung, Anweisung

Jetzt werden manche sagen: „Ach komm, so schlimm wirds nicht sein!“
Stimmt. Wenn man in so einen wilden Haufen aus 23 Schülern erstmal ein System reingebracht hat, dann mag das Ganze seinen Chaoscharakter verlieren.
Bis man aber dort hin kommt, verliert man als Lehrer sicher viele viele Nerven.

Warum ich das schreibe?

Naja, ich hatte heute 2 Stunden Vertretung in der ersten Klasse. Da bin ich mit gemischten Gefühlen rein. Einerseits freute ich mich darauf, mal wieder Einser zu haben, andererseits eilt den diesjährigen ersten Klassen ein gewisser Ruf voraus.

Also plante ich einen schönen Einstieg, ein kleines Wettbewerbs-Motivationssystem, Bewegungspausen und Abwechslung ein. Das bringt aber alles nix, wenn schon zu Unterrichtsbeginn kaum Ruhe in den Haufen zu kriegen ist.

Irgendwann hatte ich sie dann zuhörbereit (leise und geheimnisvoll sprechen hilft hin und wieder), erklärte den Ablauf und dann ging’s los. Schade nur, dass sich 4 Jungs in der Klasse gegenseitig ablenkten (trotz weiter Entfernung zwischen ihren Bänken), sodass kaum Ruhe einkehren konnte. Permanentes Reinrufen, Geräusche machen, stören.

Als Konsequenz ließ ich 2 der Störer schreiben. Einen bestimmten Satz. Mehrfach auf einen Zettel. Dazu platzierte ich sie außerhalb des Klassenraumes (aber in Hörweite, keine Sorge). Als die beiden weg waren, war endlich wieder Unterricht möglich. Puh.

Dann kam die kleine Pause. Anweisung: kurz bewegen, Klo, wieder zurück kommen.
Kurz darauf fiel mir auf, dass 2 Plätze leer waren. Zwei Jungs fehlten. Also ließ ich die Klasse eine Aufgabe selbstständig lösen und machte mich auf die Suche im Schulhaus.
Nichts.
Wieder hoch in die Klasse, mit den Schülern gearbeitet, überlegt…und beschlossen, dass ich im Sekretariat Bescheid sagen muss. Also runter geflitzt (die Schüler waren brav) und unten im Büro gesehen, dass die Jungs dort an einem Tisch saßen und schrieben.

Was war passiert?

Sie haben in der Pause beschlossen, die Toiletten voller Klopapier zu stopfen – um sie im Idealfall wohl noch zu überfluten. Wäre nicht das erste Mal… Dabei machten sie aber so einen Terror (ich bekams nicht mit, weil ich im Klassenraum in einem anderen Stockwerk die anderen Schüler hatte), dass der Chef sie auf frischer Tat ertappte und gleich zu sich beorderte.
Puh. Da war ich erstmal beruhigt, weil ich ernsthaft Angst hatte, dass sie aus der Schule abgehauen sind. Da geht einem ganz schön die Pumpe, das sag ich euch. Aber: man kann nicht alle Schüler permanent beaufsichtigen – erst recht nicht auf dem Klo.

Nun ja. Die ersten beiden Stunden endeten dann damit, dass ich den Schülern ihre glorreiche Tat ins Hausaufgabenheft schrieb. Morgen werde ich noch die Klassenleiterin diesbezüglich informieren…aber ob das Früchte trägt ist fraglich… diese Jungs sind schon ganz schön heftig.

Glaub ihr nicht?
Na dann noch ein paar Anekdoten aus anderen Fächern.

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Sport. Ein Schüler benimmt sich daneben. Die Lehrerin macht ihm klar, dass im Sport nach ihren Regeln gespielt wird. Wer das nicht tut, muss sich Umziehen und darf nicht mehr mitmachen.

Reaktion?
Der Schüler sagt: „Und Tschüss!“ und geht sich umziehen.

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Kunst. Die Lehrerin ermahnt die Klasse mehrfach. Einige Schüler müssen Verhaltensregeln aufschreiben, weil sonst kein Unterricht möglich ist.
Ein Schüler freut sich darüber, denn er „Hat eh keinen Bock auf Kunst“ und schreibt lieber Regeln ab.
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Hallo?!
Also bei manchen Situationen greift man sich echt an den Kopf und fragt sich, wo man gelandet ist. Und da ist unsere Schule noch eine sehr gute, in der nur wenige Schüler solche Macken haben. Zu meiner Hortzeit habe ich schon härtere Fälle erlebt. Und trotzdem ist man jedes Mal wieder schockiert und fragt sich, was das soll.
Wieso sind manche Schüler so?
Waren wir auch so als Kinder?
Wird das noch schlimmer?

Sicherlich kann man nicht alle Kinder über einen Kamm scheren. Auslöser gibt es viele. Aber manchmal ist es echt schwer, darauf zu reagieren. Ich will nicht sagen, dass die Prügelstrafe wieder eingeführt werden sollte, aber…manchen Schülern würde so ein kleiner Klaps sicher gut tun.
Wenn sie grinsend vom Regeln schreiben zurück kommen merkt man ja, dass das nicht gefruchtet hat. Am nächsten Tag – oder sogar in der nächsten Stunde, geht das Drama dann weiter. Unterstützung vom Elternhaus? Meist Fehlanzeige.

Aber…ich will nicht schwarzmalen.
Es gibt auch tolle Kinder, die sich bemühen, mitarbeiten und anstrengen. Die am Ende der Stunde nach vorne kommen und sagen: „Ich freu mich schon auf die nächste Stunde mit dir!“ oder „Das hat Spaß gemacht, Frau A.!“. Schüler die dann bei der Aufsicht nicht von meiner Seite weichen und mir von ihren Hasen, Geschwistern oder Lieblingsspielen erzählen. Die mich anstrahlen und das Gefühl geben, etwas richtig gemacht zu haben.

Man darf das also alles nicht pauschalisieren. Es gibt solche und solche. Und alles hat seine Vor- und Nachteile. Was aber definitiv feststeht ist, dass man als Lehrer einer ersten Klasse sehr viel mehr Energie braucht, als in den anderen Klassenstufen. Da sind noch so viele Dinge unklar, dass die Schüler häufig Unterstützung brauchen…und mehr als 20 Kinder in eine erste Klasse zu stecken finde ich schon sehr bedenklich. Aber was sag ich da – da hat man eh keinen Einfluss drauf. Die Zahlen werden von oben festgelegt und basta.
Wenn im nächsten Schuljahr noch die Verweiler zurück gehen, sind in manchen Klassen dann 25 Schüler. Das ist ne ganze Menge für ne zweite Klasse.

Nun ja. Was hab ich heute gelernt?
Erste Klassen können sehr anstrengend sein, wenn Störenfriede ihr Ding durchziehen.
Störenfriede müssen ausgesondert werden, weil sonst kein Unterricht möglich ist.
Sanktionen bringen nur kurzfristig was.

[Kleiner Exkurs: an manchen Schulen gibt es Räume, in die Störer geschickt werden. Dort erledigen sie ihre Aufgaben unter Aufsicht eines Lehrers und dürfen dann danach wieder in die Klasse zurück. Find ich ne gute Sache – dann sind die erstmal aus dem Verkehr gezogen, der Unterricht kann weiter gehen & die Störer können sich runterfahren – im Idealfall. Natürlich braucht man dazu Lehrer, Stunden und einen Raum. Daran scheitert es an vielen Schulen…]

Morgen bin ich wieder in meiner ruhigen zweiten Klasse – das wird entspannt. Freu ich mich schon drauf. Und ich freu mich auch auf Mittwoch – da werde ich mal meine Kolleginnen aus dem Hort (in dem ich vor dem Ref gearbeitet habe) besuchen gehen. Die hab ich seit Januar 2012 nicht mehr gesehen. Bin gespannt was es Neues gibt und wie sich die Schüler entwickelt haben 🙂

In diesem Sinne: Adios Amigos!
Frau A.

Nachtrag:
Natürlich sind Strafen nicht die ideale Lösung, um mit schwierigen Schülern umzugehen. Man sollte versuchen mit Motivation, Ursachenforschung und einer großen Portion Verständnis an die Schüler heranzugehen.
Das würde und werde ich auch später einmal tun.
Im heutigen Fall war ich eine Vertretung in einer mir unbekannten ersten Klasse. Dass man da keine neuen Methoden oder Systeme einführen kann, ist mir klar. Ich habe Ideen, aber es ist nicht meine Klasse & nicht meine Aufgabe dort etwas umzukrempeln.
Deshalb: cool bleiben.
Das spiegelt nicht das dar, was ich später mal machen will. Ich bin mir der Alternativen bewusst, aber wie gesagt…es waren 90 Minuten.

Und: es waren 4 Störer – von denen schrieben 2 aufgrund ihres Toilettenverhaltens (vom Chef befohlen) und 2 aufgrund ihres Verhaltens im Unterricht. Themenbezogen und mit Gespräch nach der Stunde. War also kein leeres Blabla, sondern mit Reflexion.
Ich bin auf nächste Woche gespannt, da bin ich nochmal drin…bis dahin:
Ich freue mich, dass ihr so eifrig diskutiert & Vorschläge macht. Aber bedenkt auch die von mir geschilderten Rahmenbedingungen. 🙂