Vom Zeugnis bekommen und schreiben

23 Jun

Zeugnis-Zeit war früher für mich keine schlimme Zeit. Ich gehörte zu den Schülern, die ihre Einsen und Zweien mehr oder weniger aus dem Ärmel schüttelten. In der Grundschule musste ich selten zusätzlich lernen – das Aufpassen im Unterricht und die Hausaufgaben haben gereicht, um gute Leistungen zu bringen. Also hatte ich auch keine Angst vor den „Giftzetteln“. Im Gegenteil – ich habe mich immer gefreut zu lesen, wie ich von meinen Lehrern eingeschätzt werde. 

Eine Sache stand – ich glaube ab Klasse 4 – fast IMMER auf meinem Zeugnis. 
„Frau A. ist schwatzhaft“
Dieses Adjektiv wurde über die Jahre hinweg immer wieder abgewandelt…in redselig, lenkt sich und andere ab, könnte mehr Leistung zeigen etc. 
Unfair fand ich dabei nur, dass all das bei meiner Banknachbarin (mit der ich ja geredet habe) NICHT auf dem Zeugnis stand. NIE! Das stand immer nur bei mir. Tze. 

Meine letzten Zeugnisse sind die vom Studienseminar (oh ja, auch hier wurde man schriftlich eingeschätzt). Die habe ich vor ein paar Wochen gelesen und mich mehr oder weniger drin wiedergefunden. Einige Sachen sind unverständlich, aber…Schwamm drüber. 

Nun sitze ich aber auf der anderen Seite. Ich lese keine Zeugnisse mehr, ich muss sie selbst schreiben. Und ich habe Glück – meine Mentorin lässt mich eins zur Probe schreiben, was sie dann gemeinsam mit mir durchgehen will, Tipps und Tricks verraten etc. Finde ich klasse, denn ab nächstem Schuljahr bin ich mit dieser Aufgabe allein und muss das selbst hinkriegen – für ne ganze Klasse, nicht nur für einen. 

Also hab ich mir eine Schülerin ausgesucht und erstmal in Word Stichpunkte zu ihr gemacht. Allgemeines und Notizen zu jedem Fach. Hier fällt schon auf: ich weiß gar nicht zu allem was, also ist die Zuarbeit der Fachlehrer zwingend notwendig. Kooperation. Zu Kunst, Musik und Sport kann ich mir allenfalls etwas ausdenken, WISSEN tu ich da nichts. 

Merke: Zuarbeit der Kollegen zu jedem Schüler ist notwendig. 

In unserer Schule läuft das über bestimmte Formulare, in die etwas eingetragen wird. Tolles System, aber ich geh dazu jetzt nicht ins Detail 😉 Aber: ich habe diese Formulare nicht, also bringt mir das grad gar nix. 

So, nach den Stichpunkten versuche ich meine Erkenntnisse in eine geordnete Satzform zu bringen. Natürlich muss man IMMER (selbst beim bösesten Schüler aller Zeiten) mit etwas Gutem beginnen. Und ganz ehrlich: ALLE Schüler haben ihre guten Seiten. 

Bei meiner Probeschülerin (ich nenn sie jetzt mal Tessa) waren die schnell gefunden. Danach habe ich noch ein paar Infos zur Situation in der Klasse eingefügt: 

„Tessa ist eine freundliche, zuvorkommende Schülerin. Im Klassenverband konnte sie Freundschaften knüpfen und wird von ihren Mitschülern geschätzt. Sie ist kameradschaftlich und hilft anderen gern.“

Danach schreibe ich gerade an den fachbezogenen Einschätzungen. Wenn es Probleme gibt, baue ich die gleich mit ein – sonst wird das dann ein Mecker-Haufen am Ende 😉 

„Tessa arbeitet im Unterricht meist selbstständig und zügig, dabei passieren ihr jedoch gelegentlich noch Leichtsinnsfehler. Diese lassen sich durch eine gewissenhaftere Kontrolle vermeiden.“

Was ich gerade merke – ich hüpfe noch zwischen den Zeitformen hin und her. Lieber Präsens und Präteritum? Hm. 

Und irgendwie muss das Ganze ja noch abgerundet werden. So weit bin ich aber noch nicht. Ich stelle nur gerade fest: Zeugnisse schreiben ist gar nicht so einfach. Man sieht und unterrichtet die Schüler zwar jeden Tag – aber am Schuljahresende ihre Person und Leistungen in Worte zu fassen ist ganz schön schwer. Gradmesser sind natürlich immer die Lehrplanforderungen bzw. das, was man im Schuljahr gemacht hat, klar. Aber ein Schüler ist ja mehr als eine 3 in Mathe. Abgesehen davon zählen ja bei uns in Klasse 1 und 2 noch keine Noten ins Zeugnis mit rein. 

Hm. Ich beiß mich dann mal weiter durch…und verstehe langsam, warum sich manche Kollegen in der Zeugniszeit die Haare raufen und gestresster wirken als sonst. Ich erinnere dabei mal an DIESEN Artikel 😉 

Nun ja, irgendwie kriegt man das alles hin – aber Spaß ist was anderes. 
Deshalb meine Fragen an euch:
Wie macht ihr das mit den Zeugnissen?
Habt ihr Strategien? Bestimmte Abläufe?
Was baut ihr alles mit ein?
Wie lang ist ein durchschnittliches Zeugnis bei euch? Gibt es das überhaupt?
Formuliert ihr für das KIND oder für die ELTERN? 

Ich freue mich auf eure Tipps und Beiträge!
Liebe Grüße,
Frau A. 

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5 Antworten to “Vom Zeugnis bekommen und schreiben”

  1. Dipl.-Psych. Thorsten Kerbs 28. Juni 2013 um 14:54 #

    Eine Bemerkung möchte ich nach der Lektüre des Beitrags gerne noch aus fachfremder, aus entwicklungspsychologischer Sicht einstreuen. Und zwar würde ich mir wünschen, dass Lehrkräfte im Elementarbereich immer die fehlende Reife von Kindern im Hinterkopf behalten. Grundschüler besitzen noch nicht die Reife, um mit (im schulischen Bereich praktizierten) Bewertungen so umzugehen, wie wir Erwachsenen das tun. Wenn Erwachsene mit einer Kopfnote konfrontiert sind, können sie diese in einen gesunden Bezug zu ihrer Leistungsfähigkeit im jeweiligen Fach und zum jeweiligen Zeitpunkt setzen. Wir wissen, dass die Note nur eine Momentaufnahme, zumal eine subjektive ist, die nur einen Teilbereich unserer Kompetenzen abbildet und mitnichten unseren Wert als Individuum umfasst oder gar prognostische Qualität besitzt. Sechs- bis Zehnjährigen gelingt das jedoch noch nicht, weil ihr Gehirn zu solchen Reflexionen noch lange nicht in der Lage ist.

    Die Gefahr ist also groß, dass Kinder die einzelne Kopfnote so auffassen, als würde damit ein legitimes Urteil über sie als Person gefällt. Erreicht ein 10-jähriger bayerischer Viertklässler, nennen wir ihn Kevin, im Übertrittszeugnis eine 2,66, könnte der daraus den Schluss ziehen, dass er zu dumm ist, um das Gymnasium zu besuchen. Dort hat sein bester Freund Felix mit einem Schnitt von 2,0 hingewechselt. Dass Felix von seiner Mutter und vielleicht auch von Nachhilfelehrern an fast allen Tagen der Woche in allen drei versetzungsrelevanten Fächern sehr geduldig auf die Prüfungen vorbereitet wurde. All das weiß Kevin natürlich nicht. Der weiß auch nicht, welchen Einfluss kranke Familienmitglieder, ein Migrationshintergrund der Eltern, deren Eheprobleme, eigene Krankheiten und Fehlzeiten, salutogene Faktoren und was nicht alles noch auf die Schulbiographie haben können. Und er könnte schon gar nicht zwischen erzielten Prüfungsleistung und tatsächlichem formal-logischem Denkvermögen bzw. IQ-Testintelligenz unterscheiden. Gut wäre, wenn er wüsste, dass keineswegs diejenigen Kinder mit dem höchsten IQ die besten Gymnasiasten abgeben; aber auch das vermag er noch nicht zu erfassen. Und noch weniger weiß er, dass es naturwüchsige, also mit keinem Mittel der Welt zu beeinflussende Unterschiede im Entwicklungstempo der Kinder gibt. Ahnungslos bleibt er der Tatsache gegenüber, dass manche Kinder sich heute, am Prüfungstag, mit der schriftlichen Division extrem schwer tun, dies aber 14 Tage später mit links absolvieren. – Was sich dann in keiner Note ausdrückt, weil bei der Benotung eben die Stichtagsregel gilt.

    Ist das alles gerecht? Nein, das ist es natürlich nicht. Aber das Schulsystem erhebt auch keinen Anspruch auf Gerechtigkeit. Und der Bildungsauftrag, wie er etwa in Bayern Verfassungsstatus besitzt, ist im Schulalltag schon lange einem Selektionsauftrag gewichen: die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Was anscheinend von vielen Eltern begrüßt wird, weil die bis zuletzt hoffen, dass ihre Kinder zu den letztendlich Unbeschädigten gehören werden.

    An dieser Ungerechtigkeit ist vorerst mal nichts zu ändern. Aber es wäre natürlich schön, wenn möglichst viele Lehrer um diesen Noten- und Zeugnisaberwitz wissen und entsprechend vorsichtig mit der scharfen Waffe der Bewertung umgehen. Die vermag Schneisen der Verwüstung in den kindlichen Gemütern zu hinterlassen, trotzdem sich das vielleicht nach langen Jahren im Schuldienst gar nicht mehr so anfühlt.

    Ich mag es der Deutlichkeit halber noch einmal wiederholen: Kinder besitzen im Grundschulalter noch nicht die Reife für einen kompetenten Umgang mit erwachsenen Bewertungsmodi (wie etwa den Ziffernnoten). Empfinden sich Kinder wiederholt als ungerecht bewertet, mündet das schnell in tiefe Entmutigung und in ein beschädigtes Selbstbewusstsein. Nehmen sie die scharfe Waffe selber in die Hand, staunen wir Erwachsenen darüber, mit welcher Bösartigkeit unsere lieben Kleinen sich mobbend das Leben zur Hölle machen können. Dabei gehört das alles irgendwie zusammen, können und sollten wir das eine nicht vom anderen trennen.

    Das ist jetzt etwas lang geraten für einen Kommentar. Aber vielleicht hilft es auch ein wenig?

  2. Zauberlehrling 24. Juni 2013 um 09:41 #

    Also ich finde es ja eigentlich richtig gut, wenn es „richtige“ verbale Zeugnisse geben würde. So nach dem Motto:
    „Als du in meine Klasse kamst, konntest du …. .
    Dann haben wir an … gearbeitet und du hast gelernt, dass … . Schwierigkeiten bereitete dir … . Wir haben dann daran gearbeitet, … .
    Jetzt kannst du schon … .
    Als nächstes beschäftigen wir uns mit … .“

    Außerdem finde ich es immer richtig blöd, wenn ich ein Zeugnis bekomme, bei dem ständig über mich gesprochen wird, statt mich direkt anzusprechen. Schließlich ist es in allererster Linie MEIN Zeugnis. Bei Abschlusszeugnissen kann ich das noch zu einem gewissen Grad nachvollziehen, aber ansonsten finde ich es mega unpersönlich. 😦
    Ich bin für verbale Zeugnisse!!

    Aber leider kann ich dir jetzt keine Tipps für dein Zeugnis geben. Allerdings ist es allgemein immer schön, wenn der Schüler sieht, dass er einen richtigen Lernweg hinter sich hat (und wie der war). Also wenn man dem Schüler noch einmal zeigt „Schau DAS alles hast du in diesem Jahr geschafft und das ist super!“.

    Keine Ahnung in wie weit man das mit einbauen kann… ??

    LG Zauberlehrling

  3. umblaettern 24. Juni 2013 um 08:31 #

    Ich habe im ersten Jahr schon Zeugnisbemerkungen geschrieben, da ich den Klassenleiter in meiner Sechsten in Deutsch ersetzt hatte und deswegen dann öfter in der Klasse war als er selbst. Da lief es aber so, dass man die Bemerkungen schrieb, die Klassenlehrer die dann durchlasen und kommentiert haben, wenn sie andere Erfahrungen gemacht haben. Dann wurde das dementsprechend nochmal geändert.
    Aber an der Realschule sind das ja auch nur ein paar Sätze und kein ganzer Text. Nachdem ich ab nächstem Jahr ja dann ganze Texte schreiben muss, hab ich mir Schülerbögen gekauft und mir fest vorgenommen, da Notizen zu machen, um am Ende nicht völlig blank dazustehen…

  4. Jettalein 23. Juni 2013 um 14:29 #

    Wenn ich das so lese, da freue ich mich mal wieder, dass meine „Mentorin“ mich von Anfang an mit ins Boot geholt hat. Hab im Vorbereitungsdienst ab dem ersten Halbjahr Zeugnisse geschrieben. Erst nur den Teil für mein Fach Heimat- und Sachkunde, dann haben wir uns gemeinsam hingesetzt und stundenlang an Formulierungen getüftelt und im letzten Halbjahr hat sie die Liste der SChüler von vorn angefangen und ich von hinten… haben uns dann irgendwo in der Mitte getroffen. Wir wollten eigentlich im Kollegium selbst so ne Art Liste erstellen mit Formulierungen. Ist aber leider nix mehr draus geworden. Sehr hilfreich finde ich für den Einstieg folgendes Buch: http://www.amazon.de/Formulierungshilfen-f%C3%BCr-Schulberichte-Zeugnisse/dp/3931365999/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1371996823&sr=8-1&keywords=formulierungen+zeugnisse. Man kann zwar nicht alles benutzen und ist manchmal ungläubig, ob es wirklich Lehrer gibt, die bestimmte Sätze so auf ein Zeugnis schreiben würden, aber es hilft eben um reinzukommen.
    Ich persönlich schreibe meine Zeugnisse so, wie früher die Hausarbeiten. Leider war ich nie der „Schritt-für-Schritt“-Typ sondern brachte das chaotische Schreiben schon immer zur Perfektion. 😉 Heißt heute: Ich tippe was zu O., dann fällt mir ein, dass das ja bei K. genau andersrum ist, schreibe zu K., füge bei H. hinzu, komme zurück zu O. … . Auch copy-and-paste nutze ich mittlerweile. Zwar ist jeder Schüler individuell, aber trotzdem haben sie bestimmte Züge gemeinsam. Und so stelle ich beim Schreiben fest, dass ja M. in der jetzigen Klasse genauso ist wie T. in meiner alten und habe somit schon einige Zeilen auf dem Zeugnis voll. Mir hat diesmal auch sehr geholfen, dass ich meine Lernentwicklungsgespräche erst vor kurzem abschließen konnte. Achja und ich sammle bestimmte Arbeitsergebnisse von jedem Schüler und habe das in so einer Zieharmonika-Mappe. Finde ich fürs Zeugnis auch sehr hilfreich.
    An meiner alten Schule hatte sich das Kollegium mal zusammengesetzt und festgelegt, welche Inhalte man wann aufs Zeugnis bringen will. Also, was im 1. HJ Klasse 1, was im 2. HJ Klasse 1 usw.. Dadurch doppelt man sich nicht und begeht auch nicht den Fehler Nummer 1: Im Halbjahr schon zuviel zu schreiben und dann am Endjahr kaum auf Seite 2 zu kommen. 😉
    Zur Länge: Es wird immer gern gesehen, wenn mehr als 1 Satz auf der zweiten Seite steht. Es gibt Kinder, da könnte man ein Buch zu schreiben und dann wieder andere, da fragt man sich: „Ja, wie ist denn eigentlich der Ist-Stand?“ Als Neuling fällt es mir in meiner jetzigen eigenen Klasse mit 14 Kindern übrigens VIEL leichter über jeden realistische Aussagen treffen zu können als das in meiner Ref-Klasse mit 23 Kindern der Fall war.
    Wie du siehst, bin ich zeugnisbedingt in Schreiblaune…und werde meine Zeugnisse aber leider kürzen müssen, da das Program sagt: „Der Text ist zu lang für das Feld.“ 😦 Aber gut, die armen Eltern müssen das ja auch alles lesen. Für die schreibe ich das Zeugnis, wie es ja sein soll. Ich finde so Zeugnisbriefe für die Kinder total schön, weiß aber leider nicht, woher ich die Zeit dafür nehmen soll. Durch die Lernentwicklungsgespräche wissen die Kinder allerdings auch, wo sie stehen und wie es weiter gehen kann. Und man spricht ja auch im Unterricht die Leistung der Kinder an. Somit wird sich J. nicht wundern, wenn in seinem Zeugnis von „Rechtschreibexperte“ die Rede ist und K. habe ich schon so oft für seine Ordnung gelobt, dass ihn das auch nicht überraschen wird.

    Jetzt reichts aber… 😉

  5. Rosita Pamplona 23. Juni 2013 um 10:57 #

    Die M. Kann dir helfen hat 3 Jahre lang Zeugnisse geschrieben.
    Stress dich nicht schon wieder das ist nur eine Übung wenn du das sofort könntest komisch oder????? Und nächstes Jahr bist du auch nicht allein die M. Lebt dann hoffentlich noch und du hast Kollegen die dir sicherlich gerne Tipps geben. Und das Internet gibt’s auch noch. Also locker bleiben Frau Lehrein

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