Die Schrecken des Referendariats

23 Apr

„Die Schrecken“ – ja, Mehrzahl, denn Schrecken gibt es in dieser Zeit der permanenten Ausnahmesituationen einige. 

Nicht nur dass man sich an eine neue Situation gewöhnen muss, neues Kollegium, neue Mitreferendare, neues Umfeld, neue Aufgaben. Nein. Man verändert sich auch vom eigenständigen Studenten wieder zurück zum „Schüler“. Man wird wieder der Schüler von Fachleitern und Mentoren, zu denen man aufblicken und deren Erwartungen man erfüllen will, soll, muss. 

Welche Früchte das tragen kann, sehe ich derzeit in meinem Umfeld. 
Da werden aus motivierten, eigenständigen jungen Menschen plötzlich ängstliche, unsichere und von Selbstzweifeln zerfressene Wracks. 
Wahnsinn. 

Doch woher kommt die wachsende Unsicherheit, das Zweifeln, die Angst? 

Ich glaube das größte Problem ist der Druck, den man sich selbst mit Beginn des Referendariats auferlegt. Man ist sich dessen bewusst, dass dies der letzte Schritt auf dem Weg zum „richtigen“ Lehrer ist, man weiß dass es Noten gibt, man weiß um die Bedeutung des Ganzen. 
Und mit diesem Bewusstsein erlegt man sich unbewusst Zwänge auf. 
Welche?
– „Ich muss das dringend noch laminieren!“
– „Irgendwie klingt das doof, das muss ich ändern!“
– „Was würde die Fachleiterin wohl gerne sehen?“
– „Habe ich genug außergewöhnliche Methoden eingebaut?“
– „Sind alle Handlungsebenen ausgeschöpft?“
– „Reicht die Differenzierung aus?“
– „Erreiche ich ALLE Schüler mit dem Inhalt?“
– „Sieht das gut aus?“

…und und und. 

Man hockt stundenlang an eigentlich einfachen Planungen. 
Man spielt tausend Szenarien durch. 
Verschiebt, ändert. 
Das Hirn verknotet sich. 
Man bekommt das Gefühl, dass einem das alles zu viel wird. 
„Ich kann das nicht.“
„Ich schaff das nicht.“
„Ich will nicht mehr.“
Angst und Panik vor den anstehenden Aufgaben. 

A propos. 
Zu dem wenig anmutenden Stundenpensum in der Schule (in Thüringen 15 Stunden) kommen noch die regelmäßigen Aufträge (z.B. Vortrag halten) vom Seminar. 
„Werde ich bewertet?“
„Was wollen die sehen?“
„Wie detailliert mache ich das Handout?“
„Welche außergewöhnlichen Dinge kann ich zeigen?“
„Wie präsentiere ich mich am Besten?“
„Wird das die anderen überhaupt interessieren?“

Dann wird über eigentlich fertigen und bereits erfolgreich gehaltenen Entwürfen gebrütet. Überlegt. Verändert. Verworfen. 

Aus Mücken werden Elefanten, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht…und zweifelt. 
Zweifelt an sich, dem System, dem Berufswunsch, der Zukunft, allem. 

Nun, was kann man dagegen tun? 
Manche lassen sich von all dem runterziehen und schmeißen hin. 
Manche sprechen mit anderen über ihre Probleme / Gefühle und merken dann: 

Ich bin nicht allein! 

Es geht den anderen ganz genauso. Bei keinem ist alles super, prima, toll. Alle spüren den Druck, die Erwartungen, die Anforderungen. Keiner fühlt sich permanent allen Dingen gewachsen und kann problemlos parieren. 

Deshalb mein Rat: 
– Nehmt euch Zeit für euch selbst! 
Oft vernachlässigt man sich (z.B. was den Schlaf betrifft) zugunsten von Dingen, die im Nachhinein weder gewürdigt noch gewertet werden. 

– Nehmt euch Zeit für Freunde & Familie!
Die Gefahr der sozialen Vereinsamung ist groß. Der Zeitaufwand für Planungen und anderen Aufgaben verschlingt viele Stunden, die man einsam und allein an seinem Schreibtisch oder mit Drucker & Laminiergerät verbringt. 
Wenigstens ein Tag in der Woche sollte SCHUL-und SEMINARFREI sein. Und zwar ohne schlechtes Gewissen! 

– Verabschiedet euch von der Perfektion! 
Die perfekte Stunde gibt es nicht. Es wird immer Verbesserungspotential geben, unerwartete Ereignisse, Probleme. Wichtig ist nicht, im Voraus alles lückenlos und fehlerfrei zu planen, sondern im Problemfall spontan reagieren zu können. Wer sich an Planungen klammert, schränkt sich selbst ein und verliert auch die „Freiheit“ im Kopf um flexibel zu sein. Puffer und Alternativen geben Sicherheit. 
Ausnahme: Prüfungen müssen zu 120% durchdacht & durchgespielt werden! 

– Gesteht euch das eigene Unwissen ein & nutzt es!
Gerade zu Beginn der Lehrerlaufbahn ist man leicht von der Komplexität der Fächer und deren Inhalten überfordert. Das eigene Methodenrepertoire ist überschaubar, die Reaktionsfähigkeit z.B. auf Konflikte ebenso. Solange man das aber erkennt und merkt, dass man noch Lücken hat, kann man sich ans Stopfen machen. Gezieltes Belesen, Gespräche mit Kollegen, Selbstversuche….so wird man Stück für Stück kompetenter und sicherer. Niemand ist perfekt! 

Ich wünsche allen, die sich im Referendariat befinden bzw. die es noch vor sich haben: 
Verliert den Mut nicht. 
Glaubt an euch. 
Bleibt ihr selbst. 
Es ist keine einfache Zeit. Man lebt in einer Parallelwelt als Lehrer in der Schule und als Schüler im Studienseminar. Das ist NICHT die Realität eines fertigen Lehrers. Das ist eine Übergangsphase, in der man auf seine Tauglichkeit geprüft wird. Dessen muss man sich bewusst sein. 
Zweifel sind erlaubt – aber man sollte sich nicht von ihnen auffressen und kaputt machen lassen! 

In diesem Sinne: Alles Gute! 
Eure Frau A. 
.

.

.

Ps.: Dieser Text entstand nach einem Telefonat mit einem derzeit zweifelnden LAA und basiert auf meinen Erfahrungen und den rückblickenden Erkenntnissen, die ich gewonnen habe. Ich könnte dazu noch Stunden weiter schreiben, aber ich denke man konnte einen kleinen Einblick in die Thematik gewinnen. Zu den „Freuden des Referendariats“ komme ich ein andermal 😉 

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17 Antworten to “Die Schrecken des Referendariats”

  1. Reinhard Schinka (@ReinhardSchinka) 27. April 2013 um 11:47 #

    Es gibt zwei Methoden, um das Referendariat erfolgreich zu überstehen:
    1. Alles tun, was Seminarleiter wollen.
    2. Die Gummibaum-Methode: Alles ein Stück weit in sich eindringen lassen – und dann – flummm – wieder raus damit.

  2. spreewaldperle 25. April 2013 um 07:48 #

    Zum Thema Perfektion: Als Kontrast zur „tausendmalperfektdurchdachten“ UB-Stunde mal unvorbereitet in den eigenen bdU gehen und feststellen, egal wie viel Zeit man in eine Unterrichtsstunde steckt, die Sus lernen etwas von dir. Es geht um dich und deine Lehrerpersönlichkeit, die Dinge anleiten zu können.

    • bambooos 25. April 2013 um 11:52 #

      Stimmt. Heute habe ich mir relativ spontan überlegt, wie meine Stunden aussehen sollen – und es lief toll 🙂

  3. andersundso 25. April 2013 um 05:52 #

    Was vielleicht noch hinzu kommt: Die ständige Selbstreflexion, die man durchziehen muss. Nach jeder Stunde geht es darum positives und negatives zu analysieren. Und da man sich verbessern will, bleibt man oft beim negativen hängen. Und da man das ja fast jede stunde durchzieht, ist man hier auch in einem negativen Feedback gefangen.

    Ich muss immernoch den Kopf schütteln wenn ich daran denke, dass es ja wirklich ein System ist, von dem alle wissen, dass es scheiße und vor allem pädagogischer Wahnsinn ist (und das, wo wir doch alles Pädagogen sein wollen). Das Ref beginnt ja schon mit den Worten: Es wird furchtbar, aber es ist ja nur eine Übergangsphase. WARUM denn das. Ja, Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber das so so vielen kollektiv die Motivation geraubt wird noch bevor man in einen Job geht, der dann ja sowieso mental viel fordert ist einfach verrückt.

  4. frauxy 23. April 2013 um 21:18 #

    Danke für die realistische Einschätzung. Ich vor kurzem zufällig auf deinen Blog gekommen und habe mir jeden Eintrag durchgelesen.
    Ich habe das ganze noch vor mir und bin gespannt, ob es mir ebenfalls so ergehen wird. Jedenfalls werden mir deine Worte wohl in Erinnerung bleiben
    „Verliert den Mut nicht.
    Glaubt an euch.
    Bleibt ihr selbst.“
    Du hast es bald geschafft und ich wünsche dir, dass du dir in den letzten Zügen deiner Ausbildung genau das bewahrst!

    • bambooos 23. April 2013 um 21:24 #

      Dankeschön!
      Ich denke, dass ich inzwischen über den Berg bin – der Druck fällt langsam aber sicher ab (nur noch die Mündlichen…) und dann wird’s hoffentlich besser 😉
      Man darf sich von den Worten hier auch nicht täuschen lassen – es gibt auch durchaus gute Dinge im Ref 🙂

  5. Smut 23. April 2013 um 20:24 #

    Wenn du dich nur selbst daran gehalten hättest!!!!!!!!!!!!! Die Erkenntnis kommt spät liebe Frau A. Und manchmal kann man auch auf Muttis hören ( Stundenplanung)
    Ich bin jedenfalls stolz auf dich der Weg ist das Ziel und seit der 1. Klasse hast du dein Ziel konsequent verfolgt . Auch wenn der Weg steiniger war als du dachtest.
    Und nun bist du bald Lehrerin und hast ein großes Ziel erreicht. Toll!!!!!!!!
    Und du hast dich nicht klein Kriegen lassen von den vielen Fachidioten und Theoretikern Schreibtischhockern. Du wirst eine gute Lehrerin ich bin mir sicher.

  6. Katja 23. April 2013 um 19:04 #

    Du sprichst mir aus der seele. das am Telefon hätte auch Ich sein können. man kann sich anderen Menschen/Nicht-Referendaren schwer erklären, die meisten können das nicht nachvollziehen. Ich bin noch nicht so lang dabei und habe Jetzt schon so enormen schlafmangel, dass Ich dementsprechend unkonzentriert und angespannt meine Stunden halte, die versemmel und gleich wieder demotiviert bin. es ist ein kreislauf und ich kann Mir oft nicht vorstellen, wie ich das bis nächstes Jahr durchhalten soll. ich frage mich, wieviel mir der Job wert ist, wenn man sich dadurch so sehr aufgibt. in meinem Fall leiden auch meine Kinder, für die Ich kaum Zeit finde. Ich Versuche

    • Katja 23. April 2013 um 19:05 #

      … mir daher deine Worte zu herzen zu nehmen…

      • bambooos 23. April 2013 um 19:21 #

        Tu das! Die Sache ist es nicht Wert, sich selbst kaputt zu machen.
        Immer mal Abstand zu sich & den Geschehnissen nehmen und neuen Mut sammeln. Alles wird gut 🙂

  7. Jettalein 23. April 2013 um 18:33 #

    Wenn ich solche (leicht depressiv machenden) Texte über den Vorbereitungsdienst lese, denke ich mir wieder im Stillen: Hab ich doch ein Glück gehabt! Ich hatte eine tolle Schule, wunderbare fachbegleitende Lehrer, die mir ab dem ersten Tag das „wahre“ Lehrerleben gezeigt haben und geniale Fachleiter, von denen man viel lernen konnte und die mir stets mit konstruktiver Kritik aber auch viel Lob beigestanden haben. Klar, die 1 1/2 Jahre haben sich teilweise ganz schön gezogen, aber es war alles machbar. Allerdings hat man uns von Seiten des Studienseminars auch nicht mit übermäßigen Seminaraufträgen gequält. Dass es Tage gibt, an denen man nicht weiter weiß…. das gehört wahrscheinlich einfach zum Leben dazu. Dafür muss man glaub ich kein LAA sein, um das zu kennen. Etwas Glück gehört aber sicherlich auch dazu, dass man nachher mit Freude auf die „unbeschwerte“ Zeit des Ref zurückblicken kann.
    Ich kann dir nur Recht geben, was den FREIEN Tag in der Woche betrifft. Den hab ich mir auch schnell verpasst. Und er hat immer sooooooooooooooo gut getan! 🙂
    Außerdem würde ich allen noch folgendes Sprichwort mitgeben:
    Der Herr (*für weniger religiöse Menschen kann hier wahlweise irgendeine Person eingesetzt werden, die euch am Herzen liegt) schenke mir
    die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann;
    den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und
    die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Oder, wie Mutti sagen würde: „Nichts wird so heißt gegessen, wie es gekocht wird.“ Alles wird gut. 🙂

  8. knisterbunt 23. April 2013 um 18:10 #

    Das habe ich auch schon durch. Allerdings wird es tatsächlich mit jedem Tag besser. Besonders mit jedem Tag nach den fertigen Stunden. (Obwohl bekanntlich die ersten drei Jahre auch kein Pappenstiel sind…) Der wichtigste Punkt ist tatsächlich nicht immer Atemberaubendes von sich zu verlangen. Manchmal gibt es halt keinen aktuellen, intelligenten, fordernden, handlungsorientierten und motivierenden Einstieg sondern nur eine kurze Zusammenfassung von gestern. Das stresst die Schüler gar nicht. Man muss sich einfach von den schillernden Vorstellungen lösen, dann kommen auch im Schulalltag die ganzen geforderten Ebenen von selbst. Motivation und Sozialform nehme ich mir immer als Leitfaden für die Stunde, dann bleiben auch meine Glanzstunden was besonderes und kein Standart.
    In diesem Sinn, tschagga, du schaffst das! 🙂

  9. Stefan Wald 23. April 2013 um 15:36 #

    „Das ist NICHT die Realität eines fertigen Lehrers. Das ist eine Übergangsphase, in der man auf seine Tauglichkeit geprüft wird. Dessen muss man sich bewusst sein.“

    Welche „Tauglichkeiten“ sollen das den bitte sein? Die Fähigkeit, wie ein seelenloser Roboter zu funktionieren oder seine devote Unterwürfigkeitsfähigkeiten gegenüber Seminarleitern und anderen Vorgesetzen weiter zu entwickeln? Die einzig sinnvolle Erkentnis aus dem Referendariat ist doch, dass dies einfach ein scheiß System und letztendlich auch eine minderwertige Ausbildung ist, aber die meisten Referendare sind doch am Ende so von Selbstzweifeln zerfressen, dass sie die offensichtlichen Unzulänglichkeiten des Systems nicht mehr richtig erkennen und die ganze Schuld nur bei sich selber suchen. Ich habe während und nach meines Referendariats viele pädagogische Talente entnervt die Segel streichen lassen sehen, und auf der anderen Seite sind zahlreiche Leute mit dem pädagogischen Feingefühl eines Ziegeldachs mit den besten Noten herausgegangen.Gute Bildung geht anders!

    • bambooos 23. April 2013 um 15:38 #

      Kann ich nur unterschreiben. Aber wie kann man daran etwas ändern?

    • Ref1 23. Oktober 2015 um 04:08 #

      Ich möchte gegen diesen Whnsinn etwas tun! Welche Wege gibt es?

      • bambooos 23. Oktober 2015 um 15:54 #

        Gute Frage. Wohl nur, in die Politik zu gehen 😉

  10. bobblume 23. April 2013 um 15:10 #

    Oh ja! Amen! Oder man macht einfach ein eigenes Lebensgefühl draus: http://bobblume.de/?p=920

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