Mysterium Eltern, Teil 2

15 Okt

Vor langer langer Zeit hatte ich mich schon einmal dem Thema Eltern gewidmet, dabei ging es um die Kleiderwahl für ihre Kinder. Zwischendurch tauchen immer wieder kleinere Episoden auf, in denen ich von Begegnungen berichtete.

Heute ist es mal wieder soweit.

2 Geschichten aus dem Bereich „Geht gar nicht…“. 
Los geht´s!

Geschichte 1:
Letzte Woche kam die Sekretärin auf mich zu und fragte, ob eine Schülerin heute da sei. Ich sagte, dass ich nicht sicher sei, aber ich mal schauen würde. Worum es denn ginge? „Um die Essenszettel. Sie hat ihren immernoch nicht abgegeben.“ Okay. Also machte ich mich auf die Suche nach der Kleinen, fand sie und fragte sie nach dem Zettel.

Hier ihre Antwort:

„Die Mama hat den Zettel noch nicht ausgefüllt. Die liegt den ganzen Tag nur auf der Couch und macht nichts. Gar nichts. Und mein Papa kommt erst am Freitag wieder.“

Dabei stiegen ihr Tränen in die Augen & ich musste sie erstmal beruhigen, bevor ich die Sache (ansatzweise) klären konnte.

Geschichte 2: 
Ebenfalls letzte Woche haben wir Steckbriefe zu den verschiedenen Bäumen erstellt. Einen haben wir gemeinsam gemacht, ein anderer (nach Wahl) war die Hausaufgabe übers Wochenende. Heute wurden die Arbeiten verglichen, bestaunt und bewundert.

Ein Schüler kam zu mir, zeigte mir ALLE 4 fertigen Bäume und sagte leicht schockiert:

„Frau A., guck mal. Das hat meine Mama gestern gemacht als ich geschlafen habe.“

Dann zeigte er mir seinen Hefter, mit allen 4 fertigen Bäumen. Daneben die Infos und geforderten Kriterien. Alles in „SEINER“ Schrift.

Ich: „Und das hat wirklich deine Mama gemacht?“
Er: „Ja, als ich geschlafen habe.“
Ich: „Und warum macht sie das?“
Er: „Ich weiß es nicht, Frau A.“

Ihm war das sichtlich unangenehm, weil er ja nun keinen Baum mehr selbst machen konnte. Obwohl er gerne wollte. Hatte Mutti ja schon alles erledigt.

Heute also zwei typische Fälle von den beiden Extremen: Übereifer und Vernachlässigung.

Und das ist leider kein Einzelfall.

Übereifer…
Ich verstehe wirklich, wenn Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen wollen. Das ist verständlich, man will sein Kind ja nicht an den Dingen verzweifeln sehn (wobei ich mir das nicht vorstellen kann, wir stellen keine unmenschlichen HAs…)

Aber Sachen IN KINDERHANDSCHRIFT fälschen (sie hat ihren Sohn wirklich fast 1:1 kopiert, und das ist bei seiner Schrift nicht leicht) finde ich wirklich krass. Wie kommt man zu sowas?

Helfen und Vorsagen sind 2 völlig verschiedene Dinge (habe ich im Studienseminar gelernt, ha!). Und es bringt den Kindern doch absolut GAR NICHTS, wenn man ihnen die Hausaufgaben macht.
Manchmal denke ich, dass Eltern den Sinn von Hausaufgaben nicht verstehen. Es geht nicht um Perfektion. Es geht ums Üben. Darum zu sehen, wo man noch Probleme hat – und DAS zum Üben aufzugreifen und dort weiter zu machen. Hausaufgaben sind nicht da, um die Lehrer glücklich zu machen. Im Gegenteil. Sie sollten den Kindern zeigen „das kann ich schon“ und „das klappt noch nicht so gut.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Sicher gibt es manchmal Bastel-Hausaufgaben, die aufwändiger sind. Oder Sammelaktionen. Da ist es selbstverständlich, dass jemand die Kinder unterstützt.

Aber in der Form, wie ich das heute (wiederholt bei diesem Schüler) sehen musste… geht gar nicht!!!

Und was die Vernachlässigung angeht…
Bei solchen Kinderaussagen läuft mir regelmäßig ein Schauer über den Rücken. Kann es wirklich sein, dass Eltern/Mütter/Väter nur zuhause auf der Couch liegen & sich nicht um die Kinder scheren? Dass nicht mal ein popeliger Essenszettel (ankreuzen & fertig) rechtzeitig ausgefüllt wird, um dem Kind eine warme Mahlzeit am Tag zu gewährleisten? Ist sowas zu viel verlangt?

Manchmal frage ich mich wirklich, was sich manche Menschen denken, wenn sie ein Kind in die Welt setzen.
„Juchu, das Kind bringt uns 184 € mehr im Monat?!“
„Endlich was Süßes zum Rumzeigen?“
„Oma & Opa werden sich schon drum kümmern?“
„Mein Schlägerfreund ändert sich bestimmt, wenn das Kind da ist?“

Schlimm. Echt schlimm.

Mein Standpunkt zum Thema Kinder:
Ich mach erstmal in Ruhe mein Referendariat fertig, arbeite mindestens ein Jahr und dann kann gerne Nachwuchs kommen. Ich schätze mal, dass ich dann 27 sein werde. Finde ich okay. Und wirklich anders geht das bei einer Ausbildungszeit von über 6 Jahren einfach nicht. Zumindest nicht für mich, die ihrem Kind dann auch ein sicheres, schönes und ordentliches Zuhause bieten möchte. Neben Studium oder Ref würde ich das nicht stemmen können und wollen. Sicher, es gibt immer Wege & Mittel, aber ich würde Schwangerschaft & Elternzeit gerne genießen und keine faulen Kompromisse machen.

Wieso sich andere Menschen solche Gedanken nicht machen, werde ich wohl nie verstehen.
Klar ist es nicht leicht, Kinder zu haben. Aber dessen sollte man sich vorher bewusst sein.
Klar kann ich mich nicht zu 100% hineinversetzen in die Situation. Aber ich habe Freunde mit Kindern und kriege was das betrifft viel mit. Und haben einen HEIDENS-Respekt vor der Aufgabe. Keine Frage.

Trotzdem: erst nachdenken, dann Kinder machen.

Deshalb schließe ich heute mal mit einem Zitat von Goethe:

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Meine Eltern konnten mir – auch wenn es nicht immer einfach war – beides geben, dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
Aber das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht auch irgendwann einmal erzählen werde…

In diesem Sinne: Tschüss!

Ps.: Und natürlich noch die obligatorische Frage an euch:
Welche Erlebnisse habt ihr mit Eltern? Was war das krasseste bisher? Wie würdet ihr in den beiden Fällen jetzt vorgehen?

Advertisements

12 Antworten to “Mysterium Eltern, Teil 2”

  1. 'ne mama 19. Oktober 2012 um 17:04 #

    Ja, fürs Kind machen ist natürlich wirklich nicht so prickelnd. Ich kenne das von einem Freund meines Sohnes. Da hat die Mutter selbst sehr schlechte Erinnerungen an ihre Schulzeit, hält HAs für Kinderquälerei und das ist ihre Art, dem System eins auszuwischen – sie verbündet sich mit dem Kind gegen die Schule. Ich glaube, da hilft nur, die HAs möglichst in die Schule zu verlagern.

    • bambooos 19. Oktober 2012 um 17:31 #

      Ja, ich finde den Hort auch wichtig. Gerade für Schüler, die Probleme haben. Die können in der Schule schon eher kompetente Hilfe bekommen als Zuhause. Allein schon weil die Erzieherinnen die Materialien kennen…
      …der Schule eins auswischen…oh Mann…

      • 'ne mama 19. Oktober 2012 um 17:48 #

        Ja, das ist mir erst in den letzten Jahren bewusst geworden – ich bin meistens ganz gerne in die Schule gegangen und in meiner Familie war immer klar, dass Schule wichtig und unabdingbar ist, aber unter den Miteltern sind eben auch die anderen… die, die die Schule seit Jahrzehnten hassen, die ihre schlimmen Erfahrungen mit sich herumtragen (und bei denen mit Schuleintritt der Kinder üble Erinnerungen werden) und die, die in den Ländern, aus denen sie kommen, eine große Distanz (wenn nicht Angst) gegenüber staatlichen Institutionen mitgebracht haben. Für die machen bei uns die Schulsozialarbeiterinnen regelmäßig früh ein Elterncafé im Eingangsbereich der Schule, ich glaube, das fängt einiges ab – trotzdem: ich habe oft den Eindruck, dass die Eltern für die Lehrer einer der anstrengenderen Punkte ihrer Arbeit sind… ich vermute, Elterngesprächsführung ist nicht Teil der Ausbildung?

      • bambooos 19. Oktober 2012 um 17:58 #

        Das wird auch thematisiert, aber es geht in unserer Ausbildung primär drum, kompetent zu unterrichten & Klassen zu führen.
        Eltern sollten genau informiert sein über die Konzepte, Materialien und Abläufe – um das Misstrauen abzubauen & sie zu integrieren. Das läuft bei uns schon ziemlich gut, ist aber ein großer Papieraufwand. Da gibt es ständig Infozettel für dies, das & jenes.
        Engagierte Eltern hat man immer & das kann man auch nutzen. Heute hat uns ein Papa z.B. Würstchen gegrillt. Das war toll & ohne ihn nicht realisierbar gewesen. Und über die „mir egal“-Eltern braucht man sich nicht aufregen, die ändert man nicht mehr. 😉

        Ist aber schade, weil das von Elternseite vieles kaputt macht. :-/

  2. 'ne mama 19. Oktober 2012 um 16:05 #

    So, PS noch Antwort auf die Frage: bei der Mutter auf dem Sofa würde ich mir Sorgen machen (Depressionen?), weiß aber nicht, wie weit man da als Lehrer überhaupt etwas tun kann. Vielleicht mal gucken, ob aus dem Kind mehr rauszubekommen ist.

    Bäumchenmalmutter: freundlich ansprechen. Sie sorgt sich und sie möchte nicht, dass ihr Kind in Schwierigkeiten kommt. Erklären, wie viel Zeit etwa für die HA gebraucht werden sollte und dass selbstverständlich, wenn es einmal gar nicht geht (Kind zu müde, bricht in Tränen aus, nix läuft) ein Vermerk möglich ist, dass/warum die HA nicht geschafft wurde – und dann wird sie eben später nachgeholt. Bestätigen, dass das Kind das alles schon wunderschön kann. Und zart aber deutlich andeuten, dass das Kind in ungute Konflikte kommt, wenn man es in eine Situation bringt, in der es die Lehrerin anlügen müsste.

  3. 'ne mama 19. Oktober 2012 um 16:00 #

    Kinderwunsch ist nun mal genetisch tief verankert. Und für die Arterhaltung reicht’s auch bei suboptimalen Aufzuchtmethoden (würde mein Vater sagen). Dass es nicht um reine Masse geht, sondern auch um Qualität, ist ja menschheitsgeschichtlich relativ neu.

    Was die „nicht unmenschlichen HA“ angeht – da die HA, zumindest bei meinen Kindern, irgendwie kreativ sind; also nicht stures Wiederholen eines in der Schule eingeübten Systems, sondern immer neue oder zumindest neu gewandete Aufgabenstellungen, gibt es hier höchst selten Tage, an denen ein Kind seine HA selbständig machen kann. Mein Mann wird schon ganz grünblass, wenn hier jemand ein Flex&Flo-Heft (Mathearbeitsheft) zückt, denn schlimmstenfalls kapieren wir auch nicht, was da gemeint ist…
    Falls Sie mir jetzt mal ganz schnell erklären könnten, was zu tun ist, wenn man
    – Großsohn: eine Reihe von Rechenaufgaben in leicht angeschrägten Rechtecken vorfindet, darüber eine gezeichnete Wäscheleine, an der leere Kästchen hängen (Aufgaben sollen wohl gelöst werden, aber dann? Beschriftung des Arbeitsblattes: „Wäscheleine“ – Aussage Großsohn: ichweißauchnichwasichdamachensoll). Uns fällt ein: Ergebnisse der Größe nach sortieren (aufsteigend oder absteigend), Einzelteile der Rechnungen an die Leine hängen, neue Aufgaben erfinden und eintragen.
    – Kleinsohn: zwei Reihen mit gezeichneten Würfelspielwürfeloberflächen und Kästchen darunter vorfindet (Kind soll zugehörige Zahl in Kästchen eintragen) und darunter noch so eine Reihe, aber alles blanko… keine Beschriftung des Arbeitsblattes, Aussage Kleinsohn: „Ich weiß ja wohl überhaupt nicht, was das soll, das sollen ja wohl nicht schon wieder diese dummen Minibabyzahlen werden, weil die stehn ja schon drüber und warum machen die da doofe Würfel, weil das geht doch nur bis 6 und denkt die Lehrerin wohl, ich bin DUMM?! Und alle Zahlen vom Würfel stehn da wirk-lich schon!“ Uns fällt ein: Beispiele aus der oberen Reihe noch einmal abmalen, gefälschte Würfel mit mehr Punkten erfinden oder (Ursprungsvermutung meines Mannes): jeweils Würfel aus Reihe 1 und 2 addieren und Summe im darunterliegenden Würfel eintragen.
    – ja, wenn Sie uns das sagen können, dann hätten Sie uns ein Stück Wochenende gerettet 🙂

    • bambooos 19. Oktober 2012 um 16:35 #

      Ich sag das jetzt mal leicht frech: normalerweise werden die Hausaufgaben in der Schule erklärt. Verständlich erklärt.
      Damit solche Fragen & Probleme gar nicht erst Aufkommen.
      So läuft das zumindest bei uns & das klappt zu 95% auch, wenn die Kinder zuhören.

      Was die Beispiele betrifft: keine Ahnung. Es gibt so viele Lehrwerke mit nochmal so vielen Materialien dazu – da kann ich leider nicht helfen…Tut mir leid! Auf Arbeitsblättern & in Arbeitsheften steht aber inzwischen am Seitenrand unten oft, was bei welcher Aufgabe getan werden muss. Finde ich sehr hilfreich. Vielleicht steht bei Ihren Kindern ja so etwas dabei.

      Ansonsten: andere Kinder fragen & erklären lassen. Nicht verzweifeln an sowas. Und wenn’s GAR nicht geht: Zettel mitgeben, auf dem das steht. Dann scheint die Lehrerin was verkehrt zu machen & sollte drüber nachdenken.

      Generell sind Schüler beim Erklären von Hausaufgaben oft nicht komplett konzentriert, was dann zu solchen Problemen führen kann.

      • 'ne mama 19. Oktober 2012 um 16:53 #

        Schade, hätte ja klappen können 😉
        Unterschied zu den HAs meiner Schulzeit: bei uns gab es eine Beispielaufgabe, die wurde in der Schule gemacht – und dann Aufgaben nach demselben Muster, die waren die HAs. Sehr stupide. Selbsterklärend. Und ich habe so gut wie nie Elternunterstützung gebraucht. Das ist jetzt anders – und bei meinen Kindern stelle ich fest, dass sie die Erklärung oft ohne Beispiel nicht umsetzen können. Sie müssten das einmal gemacht haben, sonst wissen sie, wenn sie abends zu Hause angekommen sind, eben nicht mehr, was genau die Erklärung war.
        Andere Kinder fragen haben wir durch – da kommen in der Regel noch mehr lustige Varianten heraus 😉 – Zettel wandern hier viele… (ach ja, und an unserer Schule erklärt die Rektorin jedes Jahr in der Ansprache an die Eltern der neuen Schüler, dass die für die HAs unbedingt die Mithilfe der Eltern erforderlich sei…)

      • bambooos 19. Oktober 2012 um 17:00 #

        Dass Eltern helfen sollen ist ja richtig & wichtig – allein schon, damit sie einen Einblick in das bekommen, was ihr Kind macht / leistet.
        Aber die HA für das Kind zu lösen, während es schläft bringt weder dem Kind noch den Eltern was. Besonders nicht, wenn (wie in meinem Fall) die HA nur eine Sache betrifft, die Mutter aber 2 Sachen extra macht & ihrem Kind damit die Folgehausaufgaben zerstört.
        Ich verstehe aber auch die Eltern, die helfen wollen & bemüht sind – man sollte sich dabei halt immer fragen, was es dem Kind wirklich bringt. 😉

        Und: bei uns gibt es immer Beispiele. Sollte selbstverständlich sein sowas…

  4. Smut 16. Oktober 2012 um 16:41 #

    Wer nach Äpfeln in Gläsern schaut sollte nicht mit Steinen werden. 😃😃😃😃😘😘😘

  5. Herr Rau 16. Oktober 2012 um 15:23 #

    Wobei es in dem geschilderten Fall ja auch sein kann, dass die Mutter krank ist. FÜhrt auch zu einer Vernachlässigung, aber weniger aus falscher Planung heraus.

  6. Fräulein Ratgeber 15. Oktober 2012 um 22:00 #

    Kinder machen ist leicht, Kinder haben dafür nicht unbedingt 🙂 Altes Thema, genau meine Einstellung 🙂

    Diese Eltern immer wieder… Wer kennt sie nicht… Da zeichnen auf einmal 5. Klässler wie kleine Michelangelos oder bringen auch in der 7. Woche keinen Malkasten mit…

    Was soll man da nur sagen…

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: