Übergänge

26 Sep

Übergänge gibt es in unserer Laufbahn immer wieder.
Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule. Von der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Von dort in die Ausbildung oder ins Studium. Und für manchen dann noch weiter ins Referendariat. Bei jedem Übergang wechseln die Aufgaben, Positionen und Ansprüche an sich selbst. Mit jedem Schritt wird man ein wenig erwachsener, lernt dazu, reift.

Im Rahmen des Studienseminars war es unsere Aufgabe, Schüler der neuen 5. Klassen einige Stunden lang im Unterricht zu beobachten. Dabei ging es weniger um die Schüler, als vielmehr um den Unterricht und die Unterschiede, die es zwischen Grundschule und weiterführender Schule gibt.

Heute also ein Erfahrungsbericht aus den beiden Schulformen.

1. Mein Tag am Gymnasium
Dort durfte ich 2 Stunden im Englischunterricht der 5. Klasse hospitieren. Als ich den Klassenraum betrat war ich nicht über die Schüleranzahl überrascht – sondern vielmehr über die Größe der Tische. Das klingt erstmal blöd, aber… die hatten dort wirklich RIESIGE Tische im Vergleich zur Grundschule (und auch zur Regelschule, über die ich dann noch berichten werde). Vielleicht muss ich anmerken, dass ich für diese Hospitation mein Bundesland verlassen und mich ins ferne Bayern begeben habe…hm…nun ja, in Thüringen sind die Tische jedenfalls kleiner 😉

Aus Lehrer-Sicht war interessant zu sehen, wie effizient die Kollegin vor Ort ihren Unterricht geplant hat…nämlich 30 Minuten vor Unterrichtsbeginn im Lehrerzimmer. Die Kopien für die Schüler waren vorbereitet, der Ablauf wurde kurz notiert (3-4 Stichpunkte) und dann hielt sie aus dem Stand eine Doppelstunde. Verrückt! Die Stunden an sich enthielten (logischerweise) viel mehr Grammatik etc als in der Grundschule. Gesprochen wurde meist Englisch, manche Dinge ließen sich aber nur schwer auf Englisch erklären, also wurde auch oft zu Deutsch gewechselt. „Das wird aber dann weniger“, sagte sie mir. Macht ja auch Sinn am Anfang, denke ich.

Interessant war auch, dass die Kollegin erst 5 Jahre nach Ende ihres Referendariats erstmals eine 5. Klasse im Unterricht hatte. Dementsprechend schwierig war es für sie einzuschätzen, was die „Kleinen“ schon können und wo sie ansetzen kann. Wie lange sie für bestimmte Aufgaben brauchen (schriftliche Aufgaben dauern noch länger) und wo sie schon fit sind.

Sehr gut hat mir gefallen, dass sie ihre Planung fortlaufend in eine Tabelle einträgt und damit auch später nachschlagen kann, was sie wann gemacht hat. Also keine ausführliche Planung sondern nur „15.5. – Vokabeltest, Personalpronomen“ etc. Diesen Tipp aus ihrem Referendariat habe ich schon angenommen und mir selbst sowas erstellt. Ich hoffe, dass ich das fortlaufend ausfüllen kann – dann habe ich nämlich am Ende des Schuljahres schon einen Stoffverteilungsplan für D, Ma und HSK in der 2. Klasse 😉

2. Mein Tag an der Regelschule

Hier verbrachte ich 3 Unterrichtsstunden in einer bestimmten Klasse – und folgte ihnen durch die Fächer D, Englisch und Musik, unabhängig von den Lehrern.

Auch hier war interessant zu sehen, wie die Stunden ablaufen. Im Gegensatz zum Gymnasium gab es hier ein Anfangsritual. So meldete ein bestimmter Schüler dem Lehrer zu Stundenbeginn z.B. „Klasse 5c ist bereit zum Unterricht. Jonas fehlt.“ In der Englischstunde geschah dies natürlich auf Englisch. Fand ich irgendwie cool, weil es dem Lehrer das lästige durchzählen/nachfragen erspart…

Typisch Schule war, dass spontan 2 Klassen zusammengelegt wurden und eine Lehrerin dann eben mit beiden Unterricht machen musste [„Heute sind 7 Kollegen krank!“] . Zum Glück war der Musikraum groß genug, sodass in Eintracht zusammen geträllert werden konnte. Ganze 3 verschiedene Lieder kamen in einer Stunde dran – ein ganz schönes Pensum, finde ich. (Anmerkung: von Musikunterricht habe ich keine Ahnung, vielleicht ist das also auch normal, egal.). Interessant war, wie unterschiedlich die Schüler bei den 3 Kollegen waren. Bei dem männlichen Kollegen war relative Ruhe, in Musik gab es das obligatorische absichtliche schief singen und bei der Klassenleiterin wurde nur Unsinn gemacht & gequatscht.

Das führt mich zu meinem Fazit…

1. In der Grundschule ist es zwar auch laut, aber nach Ermahnungen ist meist Ruhe und man kann ordentlich unterrichten. Im Gegensatz dazu erscheint mir der Geräuschpegel im Unterricht an GYM/RS permanent höher und störender.

2. In beiden Fällen wurde vergleichsweise wenig ermahnt und zu Ruhe aufgefordert. Hätte ich vor den Klassen gestanden, hätte ich wesentlich mehr Wert auf Ruhe gelegt, damit man ordentlich arbeiten & sich konzentrieren kann. Beim Schreiben muss man nicht quatschen, da ist der Schnabel zu & nur der Stift bewegt sich… finde ich. Das ist etwas, was ich durchsetzen wollen würde – wenn in jeder Ecke gequatscht wird, könnte ich nicht ordentlich arbeiten…

3. Feste Regeln (z.B. sich melden, wenn man etwas sagen will) scheinen nicht mehr so großen Wert zu haben. Reinrufen oder ohne Grund reden kam oft vor und wurde (anders als in der GS) nicht wirklich als störend thematisiert, sondern eher hingenommen und manchmal sogar aufgegriffen.

4. Das Unterrichtspensum- und Tempo ist höher. Die Schüler müssen wesentlich mehr schreiben, die Unterrichtsgespräche beschränken sich meist auf Frage-Antwort-Szenen.

5. Es gibt viele Raumwechsel. 
In der Grundschule gibt es ja meist einen festen Klassenraum. Lediglich in Sport, Musik, Kunst & Englisch wird der Raum verlassen. Das ist bei den „Großen“ anders. Auch die Laufwege sind weiter, weil die Schulgebäude viel größer sind. [Zitat einer Schülerin heute: „An manchen Tagen hab ich richtig Fußschmerzen vom vielen Laufen“]

6. Die technische Ausstattung der weiterführenden Schulen ist besser. Dort gibt es Beamer, Macbooks, Laptops, Projektoren, elektrische Jalousien, Keyboards im Unterricht und und und. Mediales Wunderland. Von sowas können Grundschulen meist nur träumen.

7. Offene Unterrichtsformen konnte ich keine beobachten. Jeder arbeitete für sich allein. Einzig beim sich gegenseitig ablenken & stören wurden die Sitznachbarn interessant. 😉

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es wirklich interessant war, mal wieder an weiterführenden Schulen zu sein. Leider war nicht so viel Zeit, um umfassend mit den Kollegen über alle relevanten Aspekte zu sprechen. Es geht ja vor allem darum zu sehen, ob und wie der Übergang von Grundschule zur weiterführenden Schule funktioniert. Ob sich die Lehrer speziell darauf vorbereiten, was sie anders machen als bei den „Großen“. Was sie erwarten.
An der RS wurde mir gesagt, dass sich nur die Klassenleiter mit ihren zukünftigen Schülern befassen und in der GS hospitieren. Das führt dann natürlich zu den Problemen, die die Kollegin am GYM hatte – sie wusste überhaupt nicht, was auf sie zukommt. Eine Kooperation zwischen den Schulformen, die auch die beteiligten Fachlehrer betrifft, wäre hier sicher empfehlenswert, um optimal im Sinne der Kinder arbeiten zu können.

Nach den Tagen an den Schulen bin ich aber wieder ein bisschen froher über meine Berufswahl. Lehrer an einer Grundschule zu sein ist schon ne tolle Sache. Nicht nur weil man den Schülern die „Kulturtechniken“ (Lesen, Schreiben, Rechnen) beibringen kann, sondern auch weil der Einfluss auf sie noch größer ist. Man kann sie noch zum Nachdenken bringen und versuchen, sie in eine Richtung zu bringen. Man kann mit ihnen über Probleme diskutieren & nach Lösungen suchen (habe ich diese Woche gemacht, war toll!).
Sie sind einfach noch irgendwie unbedarfter und motivierter als die Schüler, die ich in den 5. Klassen erleben durfte.

Abschließend möchte ich den Regelschul-, Gymnasial- und allen die mit pubertierenden Schülern zu tun habenden – Lehrern ein Kompliment aussprechen. Ich finde es wirklich toll, wie ihr mit den Schülern arbeitet und was ihr ihnen in kurzer Zeit beibringen könnt. Das ist super.

Wünschen würde ich mir, dass auch in den weiterführenden Schulen Wert auf Regeln und deren Einhaltung gelegt wird. Seien es simple Dinge wie „Ich melde mich, bevor ich spreche“ oder aber auch Sachen wie „Wir lachen niemanden aus!“…besonders schön finde ich eine unserer Klassenregeln in der Grundschule…nämlich „Bleib bei der Sache!“…Das ist etwas, was vielen abhanden kommt. Sie lenken sich gegenseitig ab, malen sich Penisse auf den Arm (jupp. Am Gymnasium. 2 Mädels in der letzten Reihe) und kommen dann nicht ans Ziel. ..und sowas zieht sich dann bei vielen durchs komplette Leben (nicht unbedingt das mit dem Malen, aber der Rest).

Ach ja, was mir noch gefehlt hat… der Respekt vor dem Lehrer. 
Man kommt in den Raum rein & wird von den Schülern kaum beachtet. Kein „Guten Morgen“, kein „Hallo“, nichts.
[als ich rein kam, flüsterte es aus allen Ecken „Wer ist DAS denn???“ – als ob ich nix hören würde…] 
Das war irgendwie komisch, weil man in der Grundschule grundsätzlich von einem Kind begrüßt wird, dass sich wahlweise an einen dran kuschelt, den neusten Wackelzahn zeigt oder stolz die gemachte Hausaufgabe präsentiert…

…und bevor ich euch noch mehr zum Lesen vor die Nase setze, frage ich euch lieber wieder was [irgendwie macht das Spaß & ich freue mich jedes Mal, wenn ihr etwas dazu sagt & mir einen Einblick in eure Welt gebt – danke dafür!]

Fragen an euch: 
– Welcher Übergang war für euch besonders schön / schrecklich?
– Welche Schulart gefiel euch besser: Grundschule oder was danach kam?
– Wie kriegt man Ruhe in Klassen ab Klassenstufe 5?

Schonmal danke für eure Antworten,
liebe Grüße
Frau A. wie „Aber jetzt die Arme unter die Decke, sonst frieren sie ab“

Ps.: Für meine Leser aus anderen Bundesländern: hier ein Überblick über die Schulformen in Thüringen. 🙂

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3 Antworten to “Übergänge”

  1. umblaettern 30. September 2012 um 13:49 #

    Ein Ruheritual funktioniert mit meiner Fünften noch, der Rest würde mich wohl schräg ankucken, wenn ich meine Hand habe und warte, bis sie das machen und dabei ruhig sind (; Wobei ich sagen muss, dass meine Fünften diejenigen sind, die ich am meisten zur Ruhe auffordern muss. Ich weiß nicht, wieso das hier völlig umgedreht zu dem ist, was du erlebt hast, aber ich habe immer das Gefühl, dass solche simplen Regeln wie „Ich rufe nicht rein, sondern melde mich“ hier immer und immer und immer wieder durchgesetzt werden müssen, während meine höheren Klassen schnell kapieren, wenn Schluss mit lustig ist. Vielleicht bin ich mit ihnen auch zu nett, weil ich nicht ihre Ankunft an der weiterführenden Schule gleich mit Strafarbeiten und brüllenden Lehrern in Verbindung bringen möchte (;
    Jede meiner Klassen ist anders – in meinen Siebten muss ich mal kurz lauter werden, dann ist Ruhe, die Neunte kucke ich böse an und schweige kurz, dann geht das. Umgekehrt funktioniert das null. Dafür schreiben die Siebten auch mal was ab oder bekommen Zusatzarbeiten, während bei meinen Großen ein deutliches Gespräch hilft, welches Verhalten ich von ihnen erwarte.
    Ich habe von Anfang an meine Regeln geklärt, mit meiner Fünften sogar gemeinsam Klassenregeln erstellt, aber der Punkt ist, dass Kinder im Übergang zur oder mitten in der Pubertät jemanden brauchen, an dem sie sich reiben können. Sie wollen sehen, wie weit sie gehen können, möchten, dass man ihnen Grenzen aufzeigt. Und manchmal ist ihnen Schule einfach nicht so wichtig wie ihr sonstiges Leben – und ich war damals genauso. Man muss einfach sehen, dass Schüler in dem Alter, in dem sie an der Regelschule (bei uns Realschule) oder auf dem Gymnasium landen, in einem völlig anderen Lebensabschnitt angekommen sind als sie sich an der Grundschule befinden. Meine Psychologieseminarlehrerin meinte mal zu uns: Nehmen sie das Verhalten ihrer Schüler nicht persönlich und ihnen auch nicht übel – die können vor lauter Hormonen gerade gar nicht anders.
    Auch offene Unterrichtsformen sind sicher lehrerabhängig oder abhängig von der Situation. Ich arbeite viel in Gruppen, Marktplatzgesprächen, Lernzirkeln, etc. Aber bei Themen, bei denen mir wirklich wichtig ist, dass sie kapieren, um was es geht, gibt es dann eben auch mal sturen Frontalunterricht. Üben kann ich immernoch in offenen Formen. Manche mögen das, ich habe auch Bekannte, die ungerne die Zügel so weit aus der Hand gebem. Mit meiner Chaossechsten letztes Jahr konnte ich nur bestimmte Freiarbeiten durchführen, während andere gar nicht gingen. (Lerntempoduett lief super, Lernzirkel arteten in Chaos aus… zu viel EIgenverantwortung war für diese Klasse eindeutig ZU viel Freiheit).
    Als Lehrerin wäre ich zum Beispiel gar nicht für Grundschule geeignet und mein Praktikum am Gymnasium war für mich purer Horror – an der Realschule fühle ich mich eben am wohlsten (:

    [Ich vermute ja mittlerweile, dass wir beide gar nicht so weit auseinanderwohnen. (; Bis zur thüringischen Grenze brauche ich nur 30 km.]

  2. zwischenbuechern 26. September 2012 um 16:03 #

    Den Übergang von Schule zu Uni fand ich am besten^^ Einfach aus dem Grund, weil Uni schon in vielen Teilen anders ist als Schule – und weil ich endlich auch die entsprechenden Noten bekomme, was natürlich weiter motiviert und mir zeigt, dass es die richtige Wahl war 😉 Den Übergang zum Ref stell ich mir auch spannend vor – ich hoffe dass ich dort dann ebenfalls Bestätigung finde 🙂

    Ruhe ist ein schönes Wort… Ich muss aber auch sagen, dass ich in der weiterführenden Schule wo ich arbeite, herbe Abstriche was die Arbeitsruhe betrifft hinnehmen muss. Leider. An allen anderen Schulen, die ich bisher besucht hab (alles GS) war das mit der Ruhe kein Problem. Ich merke aber deutlich an der jetzigen Schule (eine Stadtteilschule) dass auch die 5er schon wenig Respekt zeigen und mich ganz gerne mal ignorieren… Andererseits sind viele von denen noch sehr kindlich und kuschelbedürftig, man hat schon öfters noch welche im Arm hängen. Aber wie meine Vorrednerin schon sagte: Manchmal ist es so und manchmal so… manchmal reicht ein strenger Blick, manchmal redet man gegen eine Wand. Ich weiß auch nicht genau woran es liegt…

  3. B wird Lehrerin 26. September 2012 um 14:44 #

    Ich hab ja das Glück in beiden Schulformen zu sein und kann deine Beobachten voll bestätigen. Ruhe in der SekI herzustellen ist ein wirkliches Problem, mit dem man immer wieder von Neuem beschäftigt ist.

    In der Grundschule reicht Ermahnen, oder ein Ruheritual. Das funktioniert, man selbst als Lehrer kann es erlernen, sich ein Ruhe-Repertoir aneignen. Bei den Großen geht das einfach nicht mehr. Ich habe nach 1,5 Jahren noch immer nicht herausgefunden, wie ich effektiv für Ruhe sorge. Mal reicht ein Blick, dann ist Ruhe, mal geht gar nichts mehr und ich rede gegen eine brabbelnde Menge an. Es erschließt sich mir einfach nicht.

    Für mich kann ich sagen, dass ich den ständigen Kampf um die Ruhe als sehr anstrengend empfinde. Mittlerweile akzeptiere ich eine gewisse Unruhe und empfinde die Stunde im Nachhinein dann trotzdem als gelungen. Sonst wäre es einfach zu frustrierend.

    In meiner 1. Klasse würde ich dies aber NICHT so hinnehmen. Aber sie reagieren eben auch ganz anders, sie WOLLEN ja lernen. Und ich helfe ihnen dabei, in dem ich auch für eine gute Arbeitsruhe sorge.

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