„Ich mach erstmal n Nickerchen“

5 Sep

…das waren die Worte, die mir unser „Neuer“ in der ersten Stunde nach 20 Minuten entgegenschmiss. Dann lehnte er sich zurück, ließ den Stift fallen, gähnte und ließ seinen Kopf nach hinten hängen.

Am dritten Schultag verstehe ich langsam das mürrische Gesicht meiner Mathe-Mentorin. Ich würde wahrscheinlich auch so gucken, wenn ich einen neuen Schüler bekommen würde. Zumindest unter den Bedingungen.

Aber fangen wir von vorne an.

Heute war ich zum Hospitieren erstmalig in diesem Schuljahr in meiner Mathe-Klasse. Den ganzen Tag.
Zur Erinnerung: die sind ganz ruhig, lieb und machen alles, ohne zu murren.

In der ersten Stunde half ich, die gemalten Ferienerlebnisse räumlich von der Tafel an die Wand zu bringen. Auf dem Weg dahin durfte der jeweilige „Maler“ des Bilder kurz etwas dazu erzählen. Der „Neue“ war auch dran (ich sollte ihm einen Namen geben, den werde ich heute noch öfter gebrauchen…ich taufe ihn: Florian.). Florians einzige Aussage: „Das war an der Ostsee.“ Okay. Passt.

Dann kam Deutsch. Thema Schreibschrift. Die bisher bekannten Schreibschrift-Buchstaben wurden mündlich wiederholt. Danach diktierte meine Mentorin verschiedene Buchstaben, die ins Deutsch-Heft geschrieben werden sollten. Davor natürlich das Datum rechts in die Ecke und „Übung“ in die Mitte, klar.

Florian wusste nicht einmal, wie das Deutsch-Heft aussieht.

Ich zeigte es ihm, half ihm bei der Anordnung der beiden geforderten Daten. Dann ging das Schreiben los.
Meine Mentorin diktierte:
„Schreibe ein kleines i“ …
Florian schaut lange an die Buchstabenkarten über der Tafel. Er sucht. Er findet. Er schreibt auf.
„Schreibe ein kleines u“
Das selbe Spiel.
(Ich sage ihm zwischendurch, dass er etwas Platz lassen soll. Wird weitgehend ignoriert.)
„Schreibe ein kleines a“
Er spielt mit dem Füller, schraubt ihn auf, schaut die Patrone an, macht ihn wieder zu. Ich animiere ihn, weiter zu machen. Kraftakt.
Manche der diktierten Buchstaben lässt er einfach aus („Schreibe das lange ie“), das „m“ klappt nur indem ich ihm die Bogenanzahl vorzähle…
„Suche dir „im“ oder „am“ oder ein anderes Wort aus, und übe eine ganze Zeile.“
Nach gutem Zureden nimmt er das „im“. Schreibt es einmal. Legt den Füller weg. „Ich mach erstmal n Nickerchen!“
Er lehnt sich zurück, lässt den Stift fallen, gähnt und lässt seinen Kopf nach hinten hängen.
Ich: „Nee, jetzt wird nicht geschlafen, sondern geschrieben.“
Er: „Aber ich bin schon wach seit 6 Uhr.“
Ich: „Ich bin schon wach seit 5 Uhr und leg mich auch nicht hin.“
Er: „Da bin ich ja länger wach.“
Ich: „Nee, 5 Uhr kommt vor 6 Uhr. Ich bin schon eine Stunde länger wach. Also los, weiter geht´s!“

Dann habe ich ihm das „im“ einmal vorgeschrieben, damit er überhaupt weiß, wie das in die Zeilen rein gehört. Danach klappte es einmal. Dann wieder weniger. Hmpf. Irgendwie frustrierend. Das Üben eines weiteren Wortes schaffte er zeitlich nicht mehr.

Hier erstmal im Foto-Vergleich:
ein schwacher Schüler von „uns“ (oben, ohne Hilfe)
und Florian (unten, mit meiner Hilfe):

[Hier befand sich mal ein Bild, das ich aus datenschutzrechtlichen Gründen entfernt habe. Hab keine Lust auf Stress. Zu sehen war wie gesagt eine Schriftprobe.]

Puh.

In der drauf folgenden Stunde nahm ihn die Förderpädagogin mit raus um mit ihm einen Schuleingangstest (also einen den Kinder machen, BEVOR sie eingeschult werden) zu machen. Ergebnisse? Naja… Defizite in einigen Bereichen. Starke Defizite.

Sein Zeugnis las ich in der Frühstückspause… und dachte kurz, dass das wohl ein Witz sein soll.

„Du bemühst dich, im Zahlenraum bis 5 zu rechnen.“

Du BEMÜHST dich?
Im Zahlenraum bis zur FÜNF?
Und das am Ende der ersten Klasse?
HALLO?!

Und es ging noch weiter:

„…manchmal gelingt dir das auch.“

Bäm.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass Florian von einer Jena-Plan-Schule gekommen ist. Diese Schulen zeichnen sich laut Wikipedia durch „selbsttätiges Arbeiten, gemeinschaftliches Zusammenarbeiten und -leben und Mitverantwortung der Schüler- und Elternschaft“ aus. Klingt ja ganz nett. Aber in welchem „Zustand“ sie uns diesen Jungen geschickt haben, ist echt unglaublich.

– er kennt keine Regeln
– er ruft im Unterricht rein
– er kann weder in Zeilen, noch in Kästchen schreiben
– er kann Deutsch- und Matheheft nicht auseinander halten
– …

Kann sowas sein? Nach einem ganzen Schuljahr?
Wahnsinn.

Und was sollen wir nun mit diesem Jungen machen?

In Mathe bot sich ein ähnliches Bild. Ich übernahm spontan den Stundenanfang (meine Mentorin musste noch was erledigen). Kopfrechnen. Alle Kinder stehen hinter ihrem Stuhl. Was macht Florian? Dreht seinen Stuhl um, schiebt ihn unter den hinteren Tisch, setzt sich auf seinen Tisch und grinst mich frech an.
Austesten, ist klar.
Aber nicht mit mir. „Das kannste gleich vergessen. Stell dich hinter deinen Stuhl.“ Er grinst mich weiter an. Ich überlege schon, welche Maßnahmen ich androhen kann. Mir fallen keine ein. „Das ist nicht witzig“. Ich schaue ihn finster an. Permanenter Augenkontakt.
Er dreht seinen Stuhl zurück und stellt sich dahinter.
Puh, gewonnen.

Später sollten Aufgabenpäckchen aus dem Buch abgeschrieben und gelöst werden. Ging bei ihm gar nicht. Statt Mathe legte er sein Deutschheft auf den Platz, er fand die erste Seite nicht, gähnte & lenkte seinen Nachbar ab. Dann schrieb er riesengroß und ohne Acht auf die Kästchen. Von 9 Aufgaben schrieb er eine HALBE ab. Keine Lösung. Ähnliches Bild dann auch später. Da es sich beim Abschreiben diesmal um die Hausaufgabe handelte, halfen wir ihmdann gleichzeitig dabei:

– meine Mentorin an seiner Seite: Zeigte ihm, WO das Datum hinkommt. WELCHE Zahl in welches Kästchen usw.
– ich vorne an der Tafel: Zeige einzeln auf JEDE Aufgabe, während er sie abschreibt.

Null Orientierung.

Bin gespannt, was das noch wird. Mit Sicherheit wird es noch interessant.

Natürlich wurde das Thema heute sofort in der Dienstberatung aufgegriffen und hitzig diskutiert. Eigentlich gehört er zurück in die 1. Klasse um diese ganzen grundlegenden Dinge erstmal zu erlernen. Wahrscheinlich geht das aber nicht so einfach, weil uns die gesetzlichen Grundlagen noch nicht klar sind.
Klar ist, dass die veränderte Schuleingangsphase auf 3 Schuljahre erweiterbar ist, aber darf man auch die 1. Klasse wiederholen? Kennt jemand einen solchen Fall (in Thüringen)?

Naja, ich bin gespannt wie das dann in den Mathestunden läuft, die ich alleine mit „ihm“ habe, ob er wieder austesten will oder sich quer stellt. Bin echt froh, dass der Rest der Klasse vergleichsweise ruhig ist und ich Gelächter über seine Aktionen im Keim ersticken konnte. Hoffentlich klappt das auch weiter so & sie lassen sich nicht von ihm anstecken.

Weitere News:
– mein selbstgebastelter Stundenplan ist soweit fertig
– es ist ein Winterplan, d.h. ich fange immer erst zur 2. Stunde an (um witterungsbedingte verlängerte Fahrtzeiten auszugleichen. Die Alternative wäre vorsichtshalber jeden Morgen schon spätestens 5:30 loszufahren, aber da müsste ich 4:30 aufstehn & das ist menschenfeindlich und ungesund.)
– in Werken werde ich wohl meine Wunschklasse kriegen

Jupps. Ich glaube, das reicht für heute, oder?! 😉
Morgen geht die Unterrichtseinheit zum ABC los, dazu noch eine Stunde Mathe. Ich freu mich drauf!

In diesem Sinne: adios Amigos
…und: Kommentare, Meinungen und Ideen sind wie immer erwünscht! 🙂

Bis bald!

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11 Antworten to “„Ich mach erstmal n Nickerchen“”

  1. lottamachtkrach 7. September 2012 um 11:52 #

    Auch an Jenaplanschulen lernen der Kinder eigentlich auf Linien zu schreiben und nicht mitten im Unterricht ein Nickerchen zu halten.

    Ich würde immer auf ein AOSF-Verfahren zurückgreifen. Schaden kann es nicht, und der Schüler scheint zumindest im Moment einen besonderen Förderbedarf zu haben. Ob der Förderstatus genehmigt wird, ist ja noch mal eine ganz andere Sache. Und wenn es wirklich nur ein Defizit wegen mangelnder Förderung sein sollte, dass er in wenigen Monaten oder bis ans Ende der Grundschulzeit aufgearbeitet haben sollte, ist das Abschaffen des Förderstatus ganz unproblematisch vom Sonderpädagogen des Vertrauens zu bewerkstelligen.

    Den Jungen weiter hinterherhinken zu lassen, kann da ja keine Lösung sein.
    Dann kommt es natürlich drauf an, ob deine Schule Inklusion macht … den Jungen auf eine Förderschule „abzuschieben“ ist dann meiner Meinung nach wieder ein anderes Kaliber, als ihm an eurer Schule einen Sonderpädagogen zur Seite zu stellen, bzw. das Stundenkontingent der Sonderpädagogen aufzustocken.

  2. medienfundgrube (@medienfundgrube) 6. September 2012 um 16:51 #

    “Du bemühst dich, im Zahlenraum bis 5 zu rechnen.” Wunderbar!

  3. frlstreberlin 5. September 2012 um 18:05 #

    Ich bewundere Sie. Ihre Geduld muss unendlich groß sein.
    … ^^ irgendwie bin ich auf die Eltern von Florian gespannt….

    • kaffeekaennchen 6. September 2012 um 14:46 #

      In Hessen wird auch automatisch von Klasse 1 in Klasse 2 versetzt. Auf Wunsch der Eltern kann das 1. Schuljahr aber wiederholt werden. Diese stellten bei der Schulleitung einen Antrag mit entsprechender Begründung.

    • umblaettern 7. September 2012 um 11:24 #

      Denselben Gedanken hatte ich auch ^^

      • bambooos 7. September 2012 um 11:59 #

        Montag ist Elternversammlung. Werde in der Klasse sicher mal vorbeischauen 😉

  4. hijack 5. September 2012 um 17:29 #

    Mich erinnert das gerade ein wenig (eigentlich mehr, als nur ein wenig) an die Berichte einiger Kommilitoninnen, die im Rahmen unseres Schulpraktikums an einer Hamburger Reformschule gelandet waren. Diese Reformschule ist preisgekrönt, liegt in einem der definitiv besseren Stadtteile Hamburgs und was mir die Kommilitoninnen erzählten, gleicht sehr stark den Grundsätzen dieser Jena-Plan-Schule.
    Dort jedenfalls waren die Kiddies komplett auf sich gestellt, rannten größtenteils herum, rauften, etc. Eigentlich taten die alles, nur nicht Lernen. Und die dortige Lehrerin übte sich in so arger Zurückhaltung, dass, O-Ton Kommilitonin, „man vergaß, dass da überhaupt eine Lehrerin anwesend ist“.
    Diese Zurückhaltung ging so weit, dass die Lehrerin nicht mal eingriff, als ein Schüler einen anderen Schüler herzhaft würgte. oO‘

    Ich bin ja nun auch kein Verfechter von übermäßiger (bzw. in meinen Augen einfach nur falsch verstandener) Authorität, aber so ganz ohne geht es eben auch nicht, wie sich an solchen Beispielen zeigt.
    Florian tut mir da einfach nur leid, weil er gewissermaßen das Opfer in dieser Geschichte ist, und ggf. auf viele Jahre Nachteile davon hat.

  5. Theresa 5. September 2012 um 17:22 #

    Liebe Frau A.,

    ich möchte nur kurz zum Thema Verweilen in der 1. Klasse etwas schreiben:
    Ich bin seit August LAA in Thüringen und bin jetzt einer 2. Klasse zugeteilt. In dieser Klasse befinden sich drei Kinder, die eigentlich in der 1. Klasse bleiben müssten. Laut Gesetz (die Regelung gilt seit diesem Schuljahr), so wurde mir von der Schulleitung mitgeteilt, darf man aber in der 1. Klasse nicht mehr „sitzen bleiben“. Die Kinder MÜSSEN in die 2. Klasse, bekommen aber in Deutsch/Mathe die Lehrmaterialien und Inhalte der 1. Klasse vermittelt. Dieses ist für die Klassenlehrerin auch neu und eine zusätzliche Herausforderung. In dieser 2. Klasse bleiben die schwächeren Kinder aber dann für zwei Jahre (sie kommen also mit der jetzigen 1. Klasse im kommenden Schuljahr zusammen).

    Ich persönlich finde diese Regelung relativ undurchsichtig, da ich nicht verstehen kann, wieso die lernschwächeren Schüler nicht gleich in der 1. Klasse bleiben dürfen.

    Hast du von dieser Regelung in Thüringen noch nichts gehört?
    Kennt jemand einen ähnlichen Fall?

  6. Frau Ella 5. September 2012 um 17:02 #

    Oje, das ist ja wirklich keine optimale Ausgangssituation für Florian (und für euch!). Ich frage mich, warum das vorher nicht aufgefallen ist (erklärt sich das wirklich nur über die Schulform? Hat er das „Pech“ Eltern zu haben, die sich nicht um schulische Dinge (oder ihn) kümmern wollen? usw.). Generell, denke ich, sind alternative Schulformen durchaus zu begrüßen – allerdings nur, wenn sie auch zum Schüler passen (und zu Florian hat die Schule anscheinend nicht gepasst).

    Darfst du dir deinen Stundenplan tatsächlich selbst basteln? Das ist wirklich klasse!

  7. Anni F. 5. September 2012 um 16:38 #

    LIebe Frau A., ich musste ja sowas von schmunzeln, ab und zu habe ich sogar laut gelacht. 🙂 Ich kann mir das so lebhaft vorstellen, wie sich deine Gesichtszüge veränderten im Laufe des Tages.
    Zum Thema Wiederholung der 1. Klasse: Ich kenne eine Schülerin, die das getan hat, allerdings schon vor ein paar Jährchen. Weiterhin hab ich während meiner Arbeit im Hort mitbekommen, dass eine Schülerin „zurückgestellt“ werden sollte, weiß aber nicht, ob das letztendlich geklappt hat. Ich habe aber nichts gegenteiliges gehört… Ich denke, das geht.
    Ach ja und bitte hör nicht auf, gegen solches Verhalten anzukämpfen. Ich erlebe das jeden Tag in der Regelschule und wäre froh, wenn man das ein wenig eher beachtet hätte…
    Der Standardspruch meiner Mentorin in solchen Situationen: ALLES WIRD GUT! 🙂
    In diesem Sinne: Lass dich nicht von dem kleinen Kerl provozieren und halte durch! 😉
    Bis hoffentlich bald mal wieder im Studienseminar, Anni

  8. D. R. 5. September 2012 um 16:13 #

    Wer nach einem langen Tag noch solche Texte verfassen kann, ist entweder noch nicht ausgelastet oder tasächlich enorm leistungsfähig 😉

    Zum Vergleich Jenaplan und „normale“ Schule möchte ich sagen: „Schule kann Spaß machen – muss aber nicht!“ Wenn solcherart „Schule“ Vorbereitung auf das selbstbestimmte Leben sein soll, na dann: „Gute Nacht, Deutschland!“
    Wahrscheinlich bin ich aber zu verklemmt und hänge an alten Zöpfen – vielleicht ist es Tatsache nur wichtig, dass der Schüler zu sich selbst gefunden hat und sich irgendwie verwirklicht und seine Persönlichkeit entwickelt. Wir haben genug, die aus staatlichen Schulen kommen und ihren Weg im Leben gehen – die können ja dann das bisschen Geld für die anderen mitverdienen und die Reformierten können sich in Ruhe verwirklichen. Oder vielleicht bin ich nicht normal in meinen Einstellungen und sehe was falsch?

    Was ist normal?

    Zitat: „Normalität ist das, was statistisch am häufigsten vorkommt, und was angeblich Normale für normal halten und ist letztendlich auch eine Machtfrage. Aus soziologischer Sicht ist normal das, was nicht mehr erklärt oder über das nicht mehr entschieden werden muss. Soziale Normen und konkrete Verhaltsweisen, die anerzogen von den Eltern, Schule und der Gesellschaft vermittelt werden…“

    Na, wenn Normalität eine Machtfrage ist, müssen wir bloß aufpassen, dass nicht die Doofen an die Macht kommen. Oder ist es dafür schon zu spät????????

    HIlfe!!!!!

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