Paradox

5 Jun

Es gibt Stunden, die bereitet man akribisch vor. Plant jeden kleinsten Schritt, ja manchmal sogar jedes Wort. Und es geht total in die Hose.

Dann gibt es Stunden, da denkt man sich: „Mut zur Lücke“ – und es wird glänzend.

Schon eigenartig.

Heute hatte ich den zweiten Fall.
Wir waren mit den Kids aus beiden ersten Klassen in die Turnhalle marschiert (10min Fußweg), um uns dort mit den Kindergarten-Kindern (den zukünftigen Erstklässlern) zu treffen und lustige sportliche Spiele zu machen. Dabei war ich auf dem Weg alleine für die wilde 1. Klasse zuständig. Das klappte erstaunlicherweise richtig gut, neben den üblichen Ermahnungen „Flott über die Straße“, „Keine Lücken lassen.“, „Schaut nach vorne!“ funktionierte es. Auch in der Sporthalle wars ziemlich cool. Meine beiden Kolleginnen aus der 1. Klasse und die KiGa-Erzieherinnen der Kindergartenkinder stellten sich kurz vor (ich war auch dran) und dann dachte sich jeder von uns Erwachsenen eine Erwärmungsübung aus. Bei Frau A. gab’s kräftiges Popowackeln (inkl. Gelächter) – danach war ich für 2 Stationen zuständig:
1. Rollbretter = ein Schüler sitzt auf dem Rollbrett, ein anderer zieht ihn im Slalom um Kegel.
2. Schwingen am Seil oder wie ich die Kinder begrüßt habe: „Herzlich Willkommen an der Lianen und Affen Station. Hier könnt ihr mal richtig abhängen“ 😉 Kam gut an, so ein bisschen Klimbim.
Interessant war, wie unterschiedlich die „Kleinen“ aus dem KiGa und unsere „Großen“ schon sind.

Nun ja. Danach gings zurück und die berühmte „OAR KEIN BOCK“ Ergänzungsstunde stand an. Bekanntermaßen haben die Kids da absolut keine Lust drauf & scheuen sich auch nicht, das zu sagen. Normalerweise quälen sie sich durch die 45min und sind froh, wenn es rum ist.

Heute aber… lief das anders.
Nach der Rückkehr aus der Turnhalle mussten sie sich erstmal umziehen, Jacken aus, Hausschuhe an, Straßenschuhe wegräumen. In den 5 Minuten kamen mindestens 5 Kinder an, die sich über jmd anderen beschweren wollten.
„Der hat mich getreten.“
„Die hat mir ins Ohr gebrüllt.“
„Der hat mich gehauen.“
„Der hat meinen Schuh weggeschmissen
„Die ärgert mich.“

Normalerweise kläre ich das dann, aber meine Antwort war diesmal: „Das besprechen wir gleich oben.“ 

Im Klassenraum angekommen (nach kurzer Trinkpause für die Kids) legte ich meine leicht verärgerte Stimme auf & hatte sofort die Aufmerksamkeit. So kennen sie mich nicht. Ich versuchs immer im Guten, aber diesmal war das Maß voll. Gut war auch, dass die Klassenlehrerin nicht da war & ich das diesmal lösen konnte.
Hier mein Text (so ähnlich lief das ab):
„So, 3 Dinge. (angezeigt mit den Fingern)
1. Die Augen und Ohren sind hier vorne bei mir.
2. Habe ich mich sehr gefreut, dass das so gut geklappt hat in die Turnhalle. Ihr habt super mitgemacht und sogar den Kleinen geholfen, das war toll. Dafür gibt es ein großes Lob von mir.
Das 3. ist aber nicht so schön. Alleine in der Umkleide unten kamen gerade 5 Kinder zu mir, sie sich über andere beschwert haben. Fünf! [in diesem Moment kam die Klassenlehrerin in den Raum.] Da wird an den Haaren gezogen, geschubst, gedrängelt, gespritzt, geworfen. Das muss alles nicht sein. Wir wollen hier gemeinsam gut zusammen arbeiten und etwas lernen. Da passt das nicht, wenn man sich weh tut und ärgert. Behandelt die anderen immer nur so, wie ihr auch behandelt werden wollt. Und ich glaube nicht, dass ihr umhergeschubst werden möchtet, oder? [betretene Gesichter].
Was mir auch nicht gefällt ist, dass ihr jeden Dienstag meckert, wenn es um die Ergänzungsstunde geht. Das ist ganz normaler Unterricht, der in eurem Stundenplan steht. Da gibt es nichts zu meckern. Und ich versuche jedes Mal, etwas Schönes mit euch zu machen was Spaß macht. Das klappt aber nur, wenn ihr auch mitmacht und euch anstrengt. Die Stunde gehört zu eurem Dienstag dazu und da will ich kein Gemecker mehr drüber hören, okay? 
Totenstille. Ein paar Kinder nicken.
Meine Klassenlehrerin nur kurz: „Ist ja interessant, dass ich das mal mitbekomme.“ Dann ging sie wieder.

Naja. Der Unterricht danach lief dann wirklich erste Sahne. Wir haben die Reimwörter an der Tafel wiederholt, in Schreibschrift m und mm geschrieben, in der Fibel gelesen und eine Aufgabe gelöst und am Ende war sogar noch Zeit dafür, den Kids etwas vorzulesen aus einem Piratenbuch.

…und das alles fast ohne Zwischenfälle. Wahnsinn.
Schon eigenartig, wie das manchmal läuft. Heute hatte ich nur die 3 Dinge (Reimwörter, Fibel, mm) auf meinem Zettel stehn, keine Zeitplanung, keine Zielorientierung – und es lief trotzdem. Verrückt…

Nun ja: Mittwoch & Donnerstag steht Studienseminar an, da muss ich noch was vorbereiten, aber erstmal Mittagschlaf. Ich bin jeden Tag total platt wenn ich nach Hause komme… aber wie hat schon Hilbert Meyer gesagt:

Der Mittagschlaf des Referendars ist heilig!

In diesem Sinne: AMEN & Gute Nacht! 😉

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3 Antworten to “Paradox”

  1. grundschulkletterei 5. Juni 2012 um 16:19 #

    Sehr schön zu lesen! Ich kann dir wirklich nur zustimmen. Manchmal plane ich als Übungsleiter echt alles ganz genau und irgenwie passt nicht zusammen.
    An anderen Tagen „vergesse“ ich das ich die Stunde habe und schustere mir etwas in der Stunde zusammen. Und was passiert? Die stunde wird ein Knaller!

    Ich bin gespannt wie es für dich im Referendariat so weitergeht!

  2. Nicole 5. Juni 2012 um 15:39 #

    Also ich finde das klingt schon total professionell 🙂 Prima!
    Ich finde es wirklich immer total spannend, hier zu lesen 🙂

    • bambooos 5. Juni 2012 um 16:46 #

      Dankeschön! Ich fand mich heute auch sehr lehrerhaft 🙂

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