Lehrer = Jäger und Sammler

23 Mai

Heute meine ich damit nicht die Massen an Büchern, Kopien und Ideen, die man als Lehrer ständig sammelt.
Nein. Diesmal geht es um was anderes.
Wir sind ja ständig dabei, irgendetwas zu sammeln.
Und so ging es auch mir gestern.
Ich habe gesammelt.
Erfahrungen.

Diesmal:
Wie fühlt es sich an, bei einem Reflexionsgespräch in Tränen auszubrechen?

„WAS?!“ werdet ihr denken…
Und ich sage: Ja, das ist gestern wirklich passiert.

Wie kam es dazu?

Ich hatte meinen zweiten Unterrichtsbesuch. Je eine Stunde Deutsch und HSK. In der wilden ersten Klasse. Anwesende: meine Fachleiterin vom Studienseminar, meine VfA und meine Mentorin aus der Klasse.
Eigentlich lief es ganz gut. An manchen Stellen hätte dies und das besser laufen können usw. Schon nach der ersten Stunde hatte ich so ein komisches Gefühl. Stand in der Hofpause auf dem Balkon und dachte nach.

Dann kam die zweite Stunde (HSK), die Kinder präsentierten ihre Ergebnisse, schön.
Die Kinder hatten danach Feierabend und für mich gings zum Reflexionsgespräch.

Der Ablauf des Reflexionsgespräches ist wie folgt:

1. Ich erzähle was zur Stunde:
Wie hat es mir gefallen? was ist mir aufgefallen? habe ich meine Ziele erreicht? was würde ich besser machen? was kann man ändern? usw.

2. Die anderen Anwesenden sind dran:
Sie stellen Nachfragen und sagen dann ihre Meinung & geben Tipps.

3. Es werden Schlussfolgerungen gezogen:
An was muss man noch arbeiten? Welche Ziele setzt man sich?

Leider kamen wir nicht mal wirklich zum ersten Punkt. Als die Fachleiterin sagte „Na dann fangen Sie mal an, Frau A.“ bekam ich kein Wort heraus. Ich hatte nen Kloß im Hals. Starrte auf meine Zettel. Biss mir auf die Lippe…und doch konnte ich es nicht verhindern…und fing plötzlich an, bitterlich zu weinen.

Keine Ahnung was in dem Moment mit mir los war, ich kenne mich so nicht. Aber ich saß da & weinte. Und weinte. Und weinte.
Total peinlich.

Naja. Die 3 Damen redeten mir gut zu, sagten was ich alles toll gemacht hatte – und langsam beruhigte ich mich wieder. Irgendwie wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte zu den beiden Stunden. Eigentlich hatte ich alles gemacht wie geplant, aber trotzdem war ich nicht zufrieden.
Die Fachleiterin sagte mir dann im Gespräch, dass die Stunde perfekt geplant war, ich aber in der Ausführung viel verschenkt hatte. Weil ich (wie immer) Kleinigkeiten vergessen oder nicht beachtet habe.
Und warum?
Mal wieder weil ich den Kindern mehr Intelligenz zutraue, als sie offensichtlich haben.
Beispiel:
Ich hatte einen Text an der Tafel (anfangs noch ohne die Kringel):

Nachdem wir ihn gelesen, die Wörter mit SCH eingekreist und gesprochen hatten wurde er in der späteren HSK Stunde nochmal aufgegriffen. Da sollte es nämlich um Freizeit gehen.
Die Kinder lasen den Text nochmal unter der Fragestellung: „Um was geht es eigentlich in dem Text?“ und kamen dann auf „Freizeit“.

„Hier haben sie Potential verschenkt“ sagte dazu meine Fachleiterin.
„Sie hätten mit den Kindern in jedem Satz besprechen müssen, welche Freizeitaktivität drin vorkommt. Sie hätten es unterstreichen können. Und am Ende natürlich nochmal auf die Überschrift eingehen. Was ist Freizeit überhaupt? Darüber müssen Sie mit den Kindern sprechen!“

Hm. Ich bin davon ausgegangen, dass die Kinder in der Lage sind, das zu wissen.
Aber offensichtlich nicht. Also: alles NOCH kleinschrittiger machen als sowieso schon. Die Ansprüche NOCH weiter nach unten verschieben.

Sowas kann irgendwie frustrierend sein, auch wenn mir bewusst ist, dass da 6-7 Jahre alte Kinder vor mir sitzen. Vielleicht sollte man das immer im Kopf behalten. Keine Ahnung.

Jedenfalls war der Gefühlsausbruch total bescheuert. Und peinlich. Aber naja. Andere LAAs haben mir danach gesagt, dass sowas „normal“ sei und dass die Fachleiter daran gewöhnt sind. Trotzdem ist es blöd – ich bin eigentlich nicht so ne Weichwurst die bei jedem Mist zu heulen anfängt. Aber wie eine Freundin vorhin zu mir gesagt hat: „Anscheinend war das Maß gerade da bei dir voll“… anscheinend.

Nun ja. Jetzt setze ich mich gleich an die Reflexion, die nach jedem UB gemacht werden muss. Diesmal habe ich ja genug Material zum Schreiben.

Übrigens lustig:
Fachleiterin Ma/We – letzte Woche: 
„Ich finde es toll, dass Sie nicht so viel reden. Sie geben klare Anweisungen. Die meisten Anfänger reden viel zu viel.“
Fachleiterin D/HSK – diese Woche: 
„Sie haben viel zu viel geredet. Geben Sie klarere Anweisungen und zerreden Sie nicht alles.“

^^
Scheinbar bin ich irgendwie schizophren. Mysteriös.
Aber naja – ich habe mal wieder Erfahrungen gesammelt. Ziel: mehr Struktur und kleinschrittigere Planung. Mal sehen ob’s klappt.

In diesem Sinne: schönen Tag noch! 🙂

Ps.: Jaaaa, ich weiß dass ich den Tafeltext mal wieder total krumm geschrieben habe 😉 

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16 Antworten to “Lehrer = Jäger und Sammler”

  1. Effi 24. Mai 2012 um 18:49 #

    Oh je, ich kann verstehen, dass dir das peinlich war/ist. Aber die Damen sind ja auch nur Menschen und Menschen weinen nun mal manchmal, wenn sich der innere Druck zu sehr anstaut. Und wenn das raus muss, muss es raus. Es ist schön, dass du es auch rauslassen konntest und nicht runterschluckst bis zum bitteren Ende.
    LG

  2. B. 24. Mai 2012 um 15:15 #

    Ich glaube bei deinem Beispiel geht es gar nicht darum, dass die Kinder nicht wissen, was Freizeit ist. Also muss es nicht kleinschrittiger sein. Es muss nur thematisiert werden, weil sonst brauchst du ja nicht mit denen über Freizeit reden. Man muss eben auch fragen: Was bedeutet das Freizeit zu haben? was machst du in deiner Freizeit? Wann hast du Freizeit? So lernst du ja auch was über die Kinder, kannst später mal deren Hobbys zum Thema machen, hast Experten,…das meinte sie vielleicht mit dem Ausschöpfen der Möglichkeiten. Aber das lernst du mit der Zeit. Und ja, es werden noch Zeiten kommen, die härter werden, vor allem zum Ende des Ref hin.
    Liebe Grüße

    • 'ne mama 30. Mai 2012 um 15:19 #

      Ich weiß nicht, ob die wissen, was Erwachsene unter Freizeit verstehen…
      ’ne mama – Zweitklässler-Dialog Pfingstsonntag abend.
      „Mama? Aber morgen haben wir endlich einen freien Tag, oder?“
      „Kind? Wir hatten gerade zwei freie Tage…“
      „Wieso? Am Samstag waren wir auf dem Spielplatz und wir mussten aufräumen. Am Sonntag waren wir in der Kirche. Das waren doch keine freien Tage.“
      D.h. Freizeit für mich: alles außer Büro. Freizeit für Kind: im Schlafanzug zu Hause sein und komplett selbst bestimmen, was man tut.

  3. valessascheufler 24. Mai 2012 um 12:21 #

    Ich habe nie geheult im Ref – aaaaber in der Examensprüfung!!! Mache den Mund auf, will den ersten Satz sagen… STURZBACH! Voll peinlich… Ich stammel nur, Sekunde, geht gleich wieder … und so war es zum Glück auch *puuuh Hab mich schnell gefangen und weitergemacht!

    Ich glaube übrigens, nicht, dass es mit mangelnder Intelligenz der Kinder zu tun hat und auch nicht dass sie nicht wissen, was Freizeit ist. Ich glaube einfach, es hat etwas mit der Vollständigkeit der Stunde zu tun. Wenn es schon mal um Freizeit geht, dann muss man wenigstens einmal kurz besprechen, was Freizeit denn überhaupt ist. Alle Kinder wissen ja auch im Groben, was Haustiere sind. Aber wenn ich das Thema beginne, spreche ich ja auch kurz an, was ein Haustier ist und was vll der Unterschied zu anderen Tieren ist. Ist sozusagen die Wortdefinition und die Abgrenzung zu anderen Begriffen… muss man ja nicht in epische Breite machen. Aber wenn es auch erst dein zweiter Besuch war und es ansonsten gut gelaufen ist, ist ja alles paletti. In ein paar Monaten machst du solche Dinge aus dem FF und ohne drüber nachzudenken…

    Ich wünsche dir weiterhin eine gute Zeit… lg *kalithea

  4. martina 24. Mai 2012 um 12:10 #

    Hey,süße! Ein neuer tag,ein neuer morgen und sicher wieder gute laune.nobody is perfekt.

  5. jenny.michael@web.de 24. Mai 2012 um 06:41 #

    Und Ansprüche muss man da doch gar nicht „runterschrauben“ -> der Anspruch bleibt, nur der Weg ist etwas Etappenreicher 😉

  6. jenny.michael@web.de 24. Mai 2012 um 06:40 #

    Kleinschrittigkeit! Macht doch auch Spaß 🙂 Und alle kommen zu ihren Erfolgserlebnissen. Das muss ich mir bei meinen 5. und 6. auch immer sagen. Selbst bei den 7. passiert es mir, dass ich die Schritte zu „GROß“ plane. Also: Kopf hoch, du kannst nur DAZUlernen. Das nächste Mal klappt es schon viel viel besser – Jipp Jipp!

  7. Anne 23. Mai 2012 um 20:17 #

    Ab und zu lese ich mal bei dir rein, mein Ref fing im August an und ich schreib grade Examensarbeit (es lebe das gute alte Staatsexamen…). Manchmal sehe ich Situationen von meinem „Anfang“, der noch so nah ist, bei dir hier geschrieben, das ist sehr lustig 😉
    Wenn es dich tröstet, du wirst noch viel öfter Tränen vergießen… und wirklich jeder vergießt Tränen. Es wird auch noch krasser werden, wenn die Rückmeldungen richtig an deine Substanz gehen und du wirklich das Gefühl hast, alles verlernt zu haben bzw. alles falsch zu machen. Man darf nie vergessen: DAS REF IST NICHT DAS LEBEN 🙂 Mittlerweile glaube ich, es wird ein riesiger, „Psycho-Druck“ aufgebaut um dich für den späteren Alltag möglichst „stressresistent“ zu machen. Ich hoffe, dein Seminar entpuppt sich als ein menschlicheres!

  8. Jürgen 23. Mai 2012 um 18:46 #

    Oder Sie denken an Ihre Stärken!

  9. madameella 23. Mai 2012 um 14:20 #

    Oje, so ging es mir heute auch… Ich kann dich da sehr gut nachvollziehen. Mir wäre es auch tausend Mal lieber gewesen, das wäre im Auto passiert – aber doch bloß nicht in der Besprechung…

    • bambooos 23. Mai 2012 um 14:24 #

      Jupps. Aber ich konnte wirklich KEIN Wort sagen. Nichts. Erst nach der ganzen Aktion… keine Ahnung was die jetzt von mir denken, bin erst morgen wieder in der Schule… Hmpf.

      • madameella 23. Mai 2012 um 14:35 #

        Wahrscheinlich werden sie das wirklich kennen und sich gar nicht großartig daran erinnern. (Und man selber dafür umso mehr, weil es ja wirklich so unangenehm ist.)

      • bambooos 23. Mai 2012 um 14:37 #

        Nächstes Mal heule ich einfach am Abend vorher ne Runde, dann sind keine Tränen mehr übrig 😉
        Ist aber schön zu sehen, dass es nicht nur mir so geht – ganz viele haben mir danach gesagt, dass es ihnen auch so ging. Das ist gut zu wissen, dann zweifelt man ein BISSCHEN weniger an sich… 🙂

      • madameella 23. Mai 2012 um 17:37 #

        oja, das stimmt 🙂

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