#11 Leo

13 Sep

Ich hatte ja gestern schon von ihm berichtet. Leo. 7 Jahre. 1. Klasse. Gestern war er traurig. Sehr. Da hab ich ihn getröstet. Heute war er… anders.
Wenn man Leos Tagesstimmungsverlauf aufzeichnen würde, dann hätte das die Form einer… zackigen Kurve… oder so.

Fangen wir mit dem 1. Zusammentreffen an. Beim Mittag. Leo kommt als einer der letzten in den Raum. Läuft zu seinem Tisch & ruft mir dabei „Hallo Frau Ah“ zu. Okay. Er sieht so traurig aus wie gestern – mal sehn wie’s ihm heute geht. Beim Essen verhielt er sich eigentlich vergleichsweise ruhig & normal (bis auf das trommeln an einer Metall-Trinkflasche *hust*)

Danach: auf dem Hof. Hat er auch ganz normal gespielt. Was nur 30 Minuten später passieren sollte, konnte man da nun wirklich nicht ahnen. Der Unterschied zwischen diesem und anderen Tagen war, dass Klasse 1 heute als einzige keine Hausaufgaben hatte (es war Projekttag & die Lehrerin ist offensichtlich der Meinung, dass die Kleinen nicht üben müssen – naja!). Also plante ich, mit den Kleinen auf den sogenannten „Gummiplatz“ zu gehen. Das ist ein eingezäunter Fußballplatz mit Gummiboden. Der absolute Wahnsinn für die Kids – weil sie dort eigentlich nie drauf dürfen (der ist für die „Großen“ von der Regelschule).

Nun ja. Aufruf zu den Hausaufgaben. Meine Kleinen stellen sich auch mit an. Meine Kollegin sagt, dass sie in nen Raum sollen um dort zu essen. Weil der Klassenraum zu weit oben war & die Ranzen schon unten im Keller, entschieden wir uns für den Musikraum im EG. Beim Aufschließen fiel mir schon der große Stuhlkreis auf. Schlecht für die Disziplin beim Essen, gut für dass, was ich danach vor hatte. Nämlich: noch 1, 2 Spiele mit den Kids machen. (Denn: neben dem Ratgeber habe ich mir bei Amazon noch „50 Spiele für mehr Sozialkompetenz“ zugelegt & wollte was davon ausprobieren. 🙂 ) Also erstmal essen lassen. Dann wollte ich einem Spiel anfangen, bei dem es um Gemeinsamkeiten geht. So nach dem Motto „Es stehen alle auf, die…“ … z.B. die Sonne mögen. Oder deren Lieblingsfarbe blau ist. Etc pp. Natürlich kann man dann auch sowas machen wie „…die schonmal von anderen gehauen wurden“ und dann über sowas reden.
So viel zur Theorie. In der Praxis war es erstmal eine Kunst, die Kids ruhig zu kriegen, denn: die Stühle im Musikraum hatten alle einen klappbaren Tisch (wie man das so aus den Ami-Filmen kennt…). Heißt: man muss natürlich erstmal AUSGIEBIG dran rumspielen. Und die Dinger quietschen… Naja. Dann war Ruhe. Ich hab das Spiel erklärt. Die ersten beiden Runden liefen gut. Störenfried Leander nahm ich mir als Assistenten (er sollte sich Fragen ausdenken). Passt.

…und dann kam Leo. Bisher ganz ruhig tickte er auf einmal VÖLLIG aus. Zuerst schlug er einem anderen die Brille von der Nase & schubste ihn. Leander ging selbstbewusst dazwischen, bekam aber auch gleich eine ab, inkl. wegfliegender Brille. Also bin ich dazwischen. Leo ließ sich aber nicht festhalten sondern warf sich mit voller Wucht in die Mitte des Kreises. Und drehte sich. Und machte komische Geräusche. Aber alles nicht lustig, sondern eher beängstigend und abgedreht.

Was machen die anderen? Zuerst: lachen. Und dann warfen sich die anderen Jungs auch noch mit in den Kreis & krabbelten auf dem Boden rum. Toll. So viel zum Thema „Spielen“. Naja, also: Abbruch. Um Ruhe reinzukriegen hab ich die Mädels schon ihre Sachen wegbringen & sich anstellen lassen (wobei mir zu DEM Zeitpunkt schon FAST klar war, dass wir nicht auf den Gummiplatz gehen). Dann mühsam die Jungs zur Ruhe gebracht. Auch Leo. Der war aber immernoch ziemlich aggro & trat auf andere ein (man bemerke: die anderen wollten ihn ruhig kriegen & festhalten. Er lag auf dem Boden & trat nach ihnen…).

Nächste Episode: Draußen aufm Hof. Ich lasse alle antreten, weil ich was zum Verhalten & zum weiteren Verlauf sagen möchte. Ein paar der Jungs hauen sich lieber mit nem aufgeblasenen Einweg-Gummihandschuh (wie gesagt, DRK-Projekttag) und hören nicht zu. Dann fiel meine Entscheidung. Wir gehen NICHT auf den Gummiplatz & alle haben Fahrzeug-Verbot. (normalerweise dürfen sie sich Roller & Dreiräder aus dem Schuppen holen & umherdüsen). Selber Schuld.
Den Gummiplatz hätte ich nämlich selbst gerne gesehen – aber wenn sie so irre & respektlos sind – no way!

Zurück zu Leo. Er schnappte sich einen der LKWs, die im Sandkasten benutzt werden dürfen. Da fiel mir auf, dass die Mädels vorher mit großen Steinen gespielt hatten („Guck mal Frau A., unser Gaaarten…“), die noch im Sand lagen. Aus Sicherheitsgründen fragte ich Leon, ob er die Steine aussortieren & wegbringen würde. Und er machte es. Ohne Einspruch oder Kommentar. Ganz lieb.

Verrückt. Irgendwie kann man in den Jungen absolut nicht reinschauen. Vielleicht liegt das ja an den Medikamenten die er jeden Tag bekommt. Aber ne verlässliche Vorhersage geht einfach nicht.  Wobei das auch bei den „normalen“ Kindern nicht möglich ist.

Deswegen wirds in dem Job auch NIE langweilig 😉

(Das war’s für heute 🙂 )

Advertisements

2 Antworten to “#11 Leo”

  1. Susi-q 18. September 2011 um 13:14 #

    Hallo Ina!

    Dein Blog ist richtig herrlich! Habe mir eben alle Einträge durchgelesen – deine Kleinen sind ja goldig (wenn auch manchmal frech)! ^^
    Ich bin schon sehr auf die nächsten Berichte gespannt.
    Liebe Grüße!

    • bambooos 18. September 2011 um 18:27 #

      Freut mich, wenn es dir gefällt 🙂
      Liebe Grüße

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: